Handelsblatt pinocchiot weiter – über Ende der Gratiskultur
Vergangene Woche verlieh Thomas Knüwer einen Pinocchio des Tages an “Handelsblatt”-Chefredakteur Gabor Steingart – und heute habe ich so meine Zweifel, ob nicht auch die heutige Titelgeschichte “Rückkehr der Normalität” zur Zukunft der Medien eine etwas lange Nase bzw. lange Beine hat. Mittlerweile ist die Story auch online verfügbar – Das Ende der Gratiskultur ist gekommen, lautet die noch griffigere Headline auf handelsblatt.com. Der Teaser lautet im Web:
Zwanzig Jahre nach der Erfindung des Internets bricht eine neue Epoche an. Inhalte gibt es künftig nicht mehr umsonst. Medienunternehmen führen weltweit immer mehr Bezahlangebote im Web und in der Mobiltelefonie ein und haben damit großen Erfolg.
Munter geht’s weiter:
Auch in Deutschland geht die Umsonstkultur zu Ende. Springer hat bereits 280 000 Apps von “Bild” und “Welt” verkauft. Angesichts der Tatsache, dass es hierzulande nur knapp zwei Millionen iPhones gibt, eine beachtliche Zahl. “Bild” ist mittlerweile die meistverkaufte Nachrichten-App des Landes.
Und in einem begleitenden Infotext heißt es schließlich zur Einführung von Paid Content bei Rupert Murdochs britischer “Times”:
Die ersten Ergebnisse des Experiments sind ermutigend: Die Zahl der “Times”-Nutzer ist weit weniger dramatisch zurückgegangen, als einige Experten im Vorfeld prophezeit hatten. Von einem Kundenexodus von bis zu 90 Prozent war ursprünglich die Rede. Nach Angaben der Marktforscher von Nielson ist die Zahl der individuellen Nutzer (Unique Visitors) jedoch lediglich um 42 Prozent auf 1,78 Millionen pro Monat gefallen.
Das Problem an diesen beiden Artikeln ist: Sie stehen auf dünnen Füßen. So fragt sich Focus-Online-Redakteur Björn Sievers berechtigterweise auf Twitter:

Die Aussagen des Titelthemas wie “Inhalte gibt es künftig nicht mehr umsonst”, für die das “Handelsblatt” immerhin sechs Redakteure eingesetzt hat, sind einfach viel zu pauschal und gehen zu sehr in eine Richtung, kritische Stimmen, dass Paid Content nicht oder nur eingeschränkt funktioniert, gibt es nicht. Das wird schon deutlich beim angeblichen Beweis, dass Rupert Murdochs “Times” gar keinen großen Kundenexodus hat. Doch die zitierte Nielsen-Studie spricht eine andere Sprache: Zwar liegt der Schwund von Unique Visitors tatsächlich bei nur 42 Prozent – doch das bezieht sich nur auf die Startseite, die weiterhin kostenlos ist und nur kurze Teaser bietet. In der Nielsen-Studie steht aber auch, dass faktisch nur 12 Prozent der Unique User danach tatsächlich für Artikel hinter der Paywall zahlen. Das zeigt diese Grafik aus dem Nielsen-Blog, wo noch weitere Details stehen:

Somit sind wir also doch wieder bei 90 Prozent, sorry, 88 Prozent Nutzerschwund. Wer es dann als einen Fakt verkauft, dass es Inhalte künftig nicht mehr umsonst geben wird, der legt vor allem eines hin: Eine sehr steile These.
Zudem bleibt fraglich, wieviel Geld Springer denn nun überhaupt mit seinen tollen Apps verdient. Denn die 280.000 gekauften Apps von “Bild” und “Welt” fürs iPhone kosten einmalig erstmal nur 79 Cent bzw. 1,59 Euro pro Download. Das sind also nur Peanuts. Und wenn Springer über diese Apps im Anschluss eine nennenswerte Anzahl von Abos verkauft hätte, hätte der Verlag die Zahl bestimmt schon veröffentlicht. So bleibt die Frage, wie solche doch recht billigen Apps jemals nennenswerte Umsätze liefern sollen. Zum Vergleich: “Bild” verkauft an einem einzigen Tag über 3 Mio gedruckte “Bild”-Exemplare zum Copypreis von mindestens 50 Cent.
Update 9.11.: Marcel Weiß hat die Berichterstattung des “Handelsblatts” zu Paid Content auf neunetz.com zerpflückt.
Update 10.11.: Auch der ehemalige “Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer hat die Story nun auseinandergenommen: Autosuggestion beim “Handelsblatt”.
iPad und die Sehnsucht nach Reduzierung
Stefan Niggemeier liefert eine der wohl besten Analysen zum Thema iPad und Verlage ab. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb er gestern u.a.:
Viele Anwendungen arbeiten mit der Metapher der Zeitung; die App der „Welt“ simuliert die groben Fasern von Papierkanten, an umgeknickten Ecken wird „umgeblättert“. Es spricht wenig dafür, dass das der Weg ist, junge Leute, die „Digital Natives“, die ohnehin wenig Erfahrungen mit Zeitungen oder Zeitschriften haben, nun auf diesem Gerät für die eigenen Inhalte zu begeistern. Aber die sind nach Meinung vieler Beobachter auch nicht die, die sich für ein iPad vorrangig begeistern können. Es ist eher eine ältere, analogere Generation.
Und:
Hier gibt es offenkundig ein Bedürfnis eines Teils der Mediennutzer nach Endlichkeit und Überschaubarkeit – im Gegensatz zum unendlichen, unüberschaubaren Internet. Es ist eine Sehnsucht nach dem Gefühl, eine Zeitschrift komplett „durchgeblättert“ zu haben, oder die Illusion, informiert zu sein, wenn man die ganze 20-Uhr-“Tagesschau“ gesehen hat. Das trifft sich bestens mit dem Traum vieler Verleger, um die eigenen Inhalte einen Zaun zu ziehen, am Eingang ein Kassenhäuschen aufzustellen und durch eine Taschendurchsuchung zu kontrollieren, dass niemand etwas mitgehen lässt.
Unbedingt den ganzen Artikel lesen! Derweil erzählt Springer-Chef Mathias Döpfner heute im großen “Handelsblatt”-Interview auf S. 8/9 eine Abkehr von der “Umsonst-Kultur des World-Wide-Web”: Die “Phase der kindlichen Begeisterung für die neue Technologie rund um das Internet” gehe erkennbar zu Ende. Ebenfalls eine spannende Lektüre. Online gibt es bislang nur Zusammenfassungen, entweder beim Handelsblatt oder bei turi2.
Update 17 Uhr: Nun steht auch das gesamte Döpfner-Interview online.
Scroll Edition der “Welt kompakt”
Gestern war ich nach langer Zeit endlich mal wieder im Außeneinsatz für turi2, und zwar im Springer-Hochhaus in Berlin:
Gedrucktes Internet: Springers “Welt kompakt” erscheint heute als “Scroll Edition” – die komplett von Bloggern erstellte Sonderausgabe hat ein um 90 Grad gedrehtes Layout, das an das Scrollen von Websites erinnern soll, und kommt als meinungslastiges Magazin im Zeitungsdesign daher. Für 23 Blogger wurde die Produktion zur Lehrstunde über die Beschränkungen, denen eine gedruckte Tageszeitung unterworfen ist. Für turi2 war Florian Treiß vor Ort.
Die ganze Geschichte gibt’s hier: Blogger mit begrenzter Macht bei “Welt kompakt”.
Kai Diekmanns Koffer-Albtraum
“Bild”-Chef Kai Diekmann hat’s doppelt hart getroffen – erst fliegt er mit seiner Götter-Gattin Katja Kessler nach Marokko in den Urlaub, doch die Koffer kommen nicht mit und Che Kai muss drei Tage lang das selbe T-Shirt tragen. Dann taucht Diekmanns Koffer wieder auf, doch Kesslers Koffer bleibt verschollen – aber halb so wild, denn sie braucht die Bikinis darin nicht mehr, weil das Wetter plötzlich kacke ist (wie übrigens auch andere Zeitzeugen bestätigen). Dann fliegen die beiden zurück – und was fehlt, ist erneut KDs Koffer. Und getreu dem Motto “Die Themen liegen auf der Straße” hat der “Bild”-Chef dann eine noch tollere Idee: “Meinen Millionen Bild-Leser könnte das gleiche widerfahren wie mir”, muss er sich gedacht haben und hat sofort nach der Rückkehr seine Redaktion auf die Story angesetzt. Et voila: Heute steht in der “Bild” auf Seite 4 ein großes Service-Stück zum Thema Albtraum: Koffer weg!
Kai Diekmanns Schniedel-Plastik
Jetzt wird’s lustig: Die Schelme von der “taz” haben vom Künstler Peter Lenk ein Penis-Relief am “taz”-Verlagsgebäude anbringen lassen, dass nun die Gemüter erhitzt. Unter anderem ist darauf laut “taz” “Bild”-Chef Kai Diekmann mit 16 Meter langem Schniedel zu sehen (sic!). Doch nicht alle Mitarbeiter der “taz” sind darüber so glücklich, so fordert die neue Chefredakteurin Ines Pohl im Contra-Part eines Pro & Contras, die Installation wieder einzupacken:
“Geht es nach dem Künstler Peter Lenk, dann soll ich mein Fahrrad jetzt für zwei Jahre jeden Morgen unter einem sechs Meter langen Pimmel abschließen. Unter zwei recht prallen Hodensäcken also mein Tagwerk beginnen. Was für eine klägliche Provokation. Wie öde. Und sie wird auch nicht dadurch unterhaltsamer, dass Bild-Chef Kai Diekmann als Eigentümer dieses Körperauswuchses auszumachen ist. Ich habe schlicht keine Lust auf diese aufgeblasene Spießigkeit, die sich um den ewig traurigen Männermachtkampf dreht: Wer nun hat den Längeren? Mann, diese Diskussionen sind mindestens von vorgestern, Tabubrüche kommen nicht mehr in Schwanzform daher.”
Derweil hat auch Kai Diekmann die neue Provokation von gegenüber entdeckt (Springer- und taz-Gebäude liegen vis-a-vis). Und nimmt die Sache in seinem 100-Tage-Blog satirisch:
“Mit einer spektakulären Aktion hat die taz bewiesen, dass auch meine Lieblings-Linken zum Lachen nicht ausschließlich in die Keller gehen: Die Genossen haben ihrem Rechtsanwalt Jony Eisenberg ein Denkmal gesetzt.”
(Foto: kaidiekmann.de)



