Netzwerk Recherche 2010 – eine Nachlese #nr2010
Prolog
Anreise mit Hindernissen: Eigentlich wollte ich am Freitag um 10.30 Uhr beim Jahreskongress von Netzwerk Recherche in Hamburg eintreffen – doch das war ein Satz mit x, das war wohl nix. Wer konnte schon ahnen, dass Deutsche Bahn, ein Selbstmord und Kühe auf den Gleisen für insgesamt vier Stunden Verspätung sorgen würden? Doch der Reihe nach: Der ICE startete in Leipzig statt um 6.51 Uhr erst mit 40 Minuten Verspätung. In Teltow kurz vor Berlin dann eine Notbremsung: Offenbar hatte sich ein Selbstmörder vor den Zug geworfen. Neunzig Minuten Stillstand, dann Evakuierung des Zuges. Interessant, wie so etwas funktioniert: Alle Passagiere müssen sich in einem Wagen sammeln, wo es per Leiter raus aus dem Zug geht und dann per Leiter wieder in einen anderen Zug, der die Reisenden weiter nach Berlin bringt. Dort Ankunft mit zweieinhalb Stunden Verspätung, mehrere Anschlusszüge verpasst. Drei Stunden später als eigentlich geplant dann der Anschlusszug nach Hamburg. Eingestiegen. Doch eine halbe Stunde tut sich nix. Personalmangel, weil die Mitarbeiter ebenfalls Probleme bei der Anreise wegen “Personenschäden” haben, u.a. hat auch noch ein ICE einen Graffiti-Sprayer auf der Strecke Berlin-Magdeburg erwischt. Nix geht mehr. Nach 30 Minuten dann also doch weiter. Eine Signalstörung. “Uns wurden Kühe auf den Gleisen gemeldet – wir müssen jetzt auf Sicht fahren” die nächste Ansage. Auch dieser Zug sammelt so seine Verspätung von einer Stunde auf. Doch ob es ein Fahrgastentschädigung für insgesamt vier Stunden gibt, ist unklar, so die Schaffnerin. Schließlich lägen fast alle Verspätungen an höherer Gewalt. Endlich in Hamburg mit der U-Bahn zum NDR. Dort ist alles schon am Laufen, ich habe vier Vortragsrunden verpasst. Aber wie ich später erfahre, hatten noch viele andere Teilnehmer das Anreiseproblem, mancher Vortrag wird deswegen sogar verschoben.
Nestbeschmutzer gesucht – Wer kontrolliert die Journalisten?
Die erste Veranstaltung, die ich dann mitnehmen kann, dreht sich um Medienjournalismus. Die Diskutanten hauen mit markigen Sprüchen um sich: “Jeder Text von epd-Medien über die ARD löst zehnmal mehr interne Diskussionen aus als ARD-interne Kritik”, meint Thomas Leif, sieht einen Markt für Medienjournalismus, doch dem fehle es an Personal. Am besten gefällt mir Thomas A. Meyer, Chefpublizist des Ringier-Verlags – er hätte mit seiner Schlagfertigkeit und Originalität wohl auch Stand-up-Comedian werden könnt und mimt in der Runde den größten Kritiker: “Ein Lotterjournalist wird Moderator der wichtigsten Talkshow Deutschlands”, teilt er aus. Danach wettert er gegen einen “Spiegel”-Kollegen, er habe in Sachen Kanzlerin Merkel erst “Marienkult” betrieben, nun plötzlich “Verteufelung”. Doch dass sich Journalisten nicht gegenseitig kritisieren, sei ja unsere Kultur, dies sei wie bei Ärzten die erst ein Konsilium einberufen müssen.

Aufregung im Mediendschungel – Stefan Aust und seine Projekte
Kurzfristig ins Programm gehoben haben die Veranstalter ein Plauderstündchen mit Stefan Aust über dessen aktuelle Projekte. Er erzählt, dass er sich bei der Übernahme von N24 an einem alten Modell orientiert, dass er einst bei Spiegel TV entwickelt hatte: Die Zulieferung von “extrem billigen Nachrichten” für Vox, die zudem auch für den Sender XXP verwendet wurden, der um diese Nachrichten herum gebaut worden war und um Dokumentationen ergänzt wurde. “Ich glaube, man kann es hinkriegen, aber es ist schwer”, so Aust über die Sanierung von N24, den er vor wenigen Wochen zusammen mit dem N24-Management übernommen hatte. Er betont auch, dass er momentan nur Gesellschafter ist und nicht Geschäftsführer. Der Sender sei außerdem ein Langzeitprojekt, er wolle ihn nicht bloß “wie eine Heuschrecke aufhübschen” und dann wieder verkaufen. Auch sei die ebenfalls erworbene Produktionssparte Maz & More anders als kolportiert “kein Sahnestückchen”. Zu glauben, man könne damit reich werden, sei ein “großes Irrtum”, das Projekt sei vielmehr einfach ein großes Abenteuer.
Zum Zeitschriftenprojekt “Woche” kokettiert Aust, er habe letztes Jahr beim Vertragsabschluss mit der WAZ-Gruppe “einmal einen hellen Moment gehabt” und sich die Rechte einräumen lassen, sollte das Projekt nicht von der WAZ realisiert werden. Auch sagt er: “Ich wär mir nicht so sicher, dass die ‘Woche’ schon bei allen Verlagen vorgestellt wurde.” Schließlich sei er bislang nur eine Art Architekt gewesen, “der nicht verantwortlich ist, die Kredite für die Bauherrn zu besorgen.” Er gibt sich zuversichtlich, die “Woche” mit der neuen Ausgangsbasis verknüpft mit N24 doch noch realisieren zu können, eventuell auch mit branchenfremden Investoren. “Ich kann nicht schwören, dass es klappt”, schränkt er aber ein. Offenbar ist er skeptisch, dass doch noch ein etablierter Verlag anbeisst: Diese hätten die Macht untereinander aufgeteilt, da gehe “nicht einer in den Vorgarten des anderen”. Aber: “Die sollen sich nicht alle ins Hemd machen.” Dass er die “Woche” vor allem aus Rache am “Spiegel” realisieren wolle, sei “total lächerlich”, so Aust: “Ich werd den Deubel tun, mir was auszudenken, nur um mich an jemanden zu rächen.” Als er beim NDR einst nicht Panorama-Chef geworden sei, habe er sich auch nicht gerächt.
Link-Tipps zu Aust: Meedia hat die Veranstaltung noch ausführlicher zusammengefasst als ich. Und die “Zeit” hat mittlerweile ein Aust-Porträt von vergangener Woche online gestellt.
Im Anschluss besuchte ich am Freitag noch die Diskussionsrunden “Schnüffeln, Spitzeln,Spionieren: Boulevard-Recherche ohne Grenzen” sowie “Wir haben keine Chance – Nutzen wir sie. Berufseinstieg im Journalismus”, wozu ich mir aber keine Notizen gemacht habe. Nur soviel: Letztere Veranstaltung war als Präsentation des neuen Readers “Wie aus Praktikanten Journalisten werden” gedacht, der Interviews mit vielen Nachwuchsjournalisten enthält und beim Netzwerk bestellt werden kann.

Heilsbringer „Paid Content“: Rettung für den Online-Journalismus?
Am Samstag morgen zum Munterwerden dann eine Elefantenrunde zu Paid Content – die brachte allerdings nicht viel neues und ging auch nicht über den Kenntnisstand heraus, den ich neulich auf dem European Newspaper Congress referiert hatte und der z.B. im April auch Thema beim Media Coffee von news aktuell Thema gewesen war. Einige Notizen seien hier dennoch zusammengefasst: “Spiegel”-Chefredakteur Georg Mascolo sagt: “Spiegel Online ist frei und wird frei bleiben” und sagt zudem, im Netz gebe es viele Informationen, für die er auch nicht bezahlen wolle. Man solle Paid Content auch nicht einfach nur mit Bezahlinhalt übersetzen – eine Bedeutung von Content sei auch der “Gehalt von Informationen”. Medienblogger Stefan Niggemeier kritisiert, dass im deutschen Online-Journalismus zu sehr auf Masse gesetzt werde. Er vermisse im Web, dass auch mal Geschichten weggelassen werden wie in den Printausgaben der Qualitätszeitungen. Wenn Websites mehr auf Klasse als auf Masse setzen würden, würde die Zielgruppe hochwertiger – ein gewichtiges Argument gegenüber Mediaagenturen statt der schieren Reichweite. Mit der könnten nämlich nur die Nr. 1 und 2 des Marktes gut leben, der Rest nicht. Dem pflichtet Georg Mascolo bei: Ihm sei es egal, dass Bild.de Spiegel Online bei der Reichweite mittlerweile überholt habe, schließlich müssten die Inhalte zur Marke und zur journalistischen Vision passen.
Das sieht auch Hans-Jürgen Jakobs von Sueddeutsche.de so. Anders als bei Radio & TV sei das Reichweitenwachstum im Web fatal – “Sie kriegen immer weniger TKP, je mehr Nutzer sie haben”. Außerdem würden Websites bestraft für ihre Präzision und Genauigkeit, die sie liefern, schließlich seien die Klick-Werte auf Werbung “beschämend niedrig”. Doch dabei würden die Werbungtreibenden außer Acht lassen, dass die Werbung ja dennoch wie eine Zeitungsanzeige wahrgenommen werde, selbst wenn sie nicht geklickt werde. Zur Diskussion, ob man journalistische Artikel einzeln verkaufen könnte, sagte Jakobs: “Ein De-Bundeling von Angeboten ist aufwändig, bringt nur Kleckerbeträge und macht wenig Sinn.” Auch Sueddeutsche.de wird also vermutlich kostenlos bleiben – und hat übrigens neben Werbung noch eine zweite Einnahmequelle, die den Laden profitabel macht: Für den Verkauf von Print-Abos über die Website werden intern Provisionen gutgeschrieben. Und Sueddeutsche.de ist der größte Abowerber der “Süddeutschen Zeitung”.
Am Samstag besuchte ich ansonsten recht wenig Veranstaltungen, darunter eine Plauderrunde mit Georg Mascolo, in wie weit der “Spiegel” Recherchevorteile gegenüber anderen Medien habe, so wie Ashwin Ramans Bericht über das Leben als Kriegsreporter. Dort flogen die Fetzen, als sich der ehemalige ZDF-Korrespondent Stephan Hallmann mehrmals aus dem Publikum heraus einmischte. Und Günter Wallraff verkündete bei einer Veranstaltung, der habe nun genug Sponsoren zusammen für seine Stiftung zur Förderung des Undercover-Journalismus. Noch in diesem Jahr soll es die ersten fünf Stipendien geben. Weitere Infos dazu bei derwesten.de.
Copyright der Fotos: Florian Treiß
Solomon Burke – Nothing’s Impossible
Die Soullegende Solomon Burke („Everybody Needs Somebody To Love“) hat vor ein paar Tagen ein neues Album herausgebracht: “Nothing’s Impossible”. Produziert von Willie Mitchell, dem langjährigen Produzenten von Al Green, der leider Anfang des Jahres gestorben ist. Dies ist also zugleich wohl auch Mitchells letzte Platte. Langsam flaut die Zeit der Rezensionen ab – Zeit also für einen kleinen Überblick:
- Bei MDR Figaro war die Scheibe neulich CD der Woche. Stefan Maelck sagt: “‘Nothin’s Impossible’ ist der Schwanengesang eines des größten Soulmänner der Geschichte: Willie Mitchell starb im Januar 2010 – als hätte er eine Ahnung gehabt, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde.” Er stellt das Album in einem 4:30 Minuten-Beitrag vor. mdr.de (Audio ganz unten auf der Seite)
- “Mit ‘Nothing”s Impossible’ (Ear Music) aber kehrt der singende Bischof zu seinen Soul-Wurzeln zurück. [...] Ganz große Seelenkunst! Und ein würdiges Testament für den Anfang des Jahres verstorbenen Willie Mitchell”, schreibt Jonathan Fischer bei sueddeutsche.de
- “Dass diese Platte wie eine vertonte Grabrede klingt, so humor- wie hoffnungsvoll, liegt in der Natur von Soul und Country”, schreibt Michael Pilz bei welt.de
- “‘Nothing’s Impossible’ ist eine emotionale Reise, ohne ins Kitschige abzudriften”, so Belinda Helm bei hna.de
- Bonus: Auf Solomon Burkes Homepage gibt’s einige Songs als Stream in voller Länge.
Wer den selbst ernannten “King of Rock’n'Soul” noch nie live erlebt hat: Am 7. August gibt er im Hamburger Stadtpark sein wohl einziges Deutschland-Konzert in diesem Jahr. Ich werde Solomon Burkes Auftritt im Leipziger Gewandhaus am 8.12.2008 auf jeden Fall nie vergessen, es war großartig! Zur Einstimmung noch ein Promo-Video von YouTube zum neuen Album:
(Foto oben rechts: Tom Beetz / Flickr unter Verwendung der CC 2.0-Lizenz.)
