Mit der eigenen Handy-Nummer auf dem Rücken
Von Florian Treiß
Minus fünf Grad, draußen versinkt Stockholms Altstadt „Gamla Stan“ im Schnee. Wie fast jeden Morgen sitzt Thomas Stigen auch an diesem Februartag im Korbsofa des 350 Jahre alten „Grillska huset“. Er unterhält sich mit Kollegen und spielt mit seinem braunen Mischlingshund Ingo. Die am rechten Ohr befestigte Handy-Freisprecheinrichtung deutet an, dass der brummbärige Typ mit der praktischen Weste immer auf dem Sprung ist – wie auch in seinem früheren Leben: Als Gastronom hatte er ein „großes Haus, dickes Auto, die schönsten Frauen, sieben Kinder aus drei Ehen.“
Der 59-Jährige arbeitet bei der Stockholmer Stadtmission und ist Einheitsleiter von „Matgåvan”, zu deutsch Essensspende. Vor zehn Jahren hatte Stigen die Idee, überschüssige Lebensmittel von Restaurants und Supermärkten zu sammeln, um sie an Bedürftige zu verteilen: „Als ehemaliger Wirt wusste ich, dass jeden Tag säckeweise Essen weggeworfen wird. Es musste dafür doch irgendeine Verwendung geben.“ Er schlug verschiedenen Hilfsorganisationen ein Projekt vor: Er könne ein Netzwerk knüpfen, Essensspenden sammeln und sie dann beispielsweise zu Obdachlosenheimen bringen. In der Stadtmission fand er seinen Partner. Zunächst einmal wöchentlich begann er seine Touren zu fahren.
8:30 Uhr – Zeit für die erste Runde. Mittlerweile hat Thomas Stigen von Montag bis Freitag Bäckereien als Stammspender, von Dienstag bis Donnerstag kommen noch Supermärkte hinzu. Der Zweizentnermann zieht eine Daunenjacke an, auf deren Rücken in großen, grau-schwarzen Lettern „Stockholms Stadsmission, Gåvan, Thomas Stigen, Telefon 070-6689577“ steht. Die Handybereitschaft sei für spontane Spenden extrem wichtig, auch wenn seine Tochter „es merkwürdig findet, dass so jeder gleich weiß, wer ich bin und wie man mich erreichen kann. Aber ich finde es sehr wichtig, Matgåvan ein Gesicht zu geben.“ Im Grunde sei dies wie in einem Restaurant: Man brauche einen zentralen Ansprechpartner.
Gleich beim ersten Spender, einer Supermarkt-Bäckerei, zeigt sich der Grund: Als Stigen in der unterirdischen Warenanlieferung mit seinem grauen Mini-Van vorfährt, werden er und sein einziger Helfer, Hund Ingo, freudig begrüßt. Man kennt sich und so fällt einer der schwersten Teile seines Jobs zumindest etwas leichter: Das Nein-Sagen. Acht schwarze Säcke voller Brot warten auf ihn – sieben davon muss er stehen lassen, weil die Brot-Spenden vom Vortag in den Einrichtungen der Stadtmission noch nicht aufgebraucht sind. „Dadurch dass alles über mich läuft und ich die Geber schon seit Jahren kenne, kann ich sicher sein, dass sie trotzdem wieder anrufen werden.“ Dies sei einer der Hauptgründe, warum Matgåvan nicht auf ehrenamtliche Helfer setze, die nicht jeden Tag Zeit hätten.
Andere Länder, andere Mentalitäten – in Deutschland, Frankreich, den USA und anderen Staaten werden Tafelbewegung, Food Banks oder vergleichbare Projekte hauptsächlich von Ehrenamtlichen getragen. Seit der Gründung der ersten deutschen Tafel 1993 in Berlin arbeiten mittlerweile über 20.000 Freiwillige für über 400 Tafeln im gesamten Bundesgebiet und versorgen über 500.000 Bedürftige. Matgåvan ist hingegen die einzige derartige Einrichtung in ganz Schweden; es gibt hier keine Partner zum Ideenaustausch. Thomas Stigen denkt deshalb an eine Studienreise: am liebsten nach Chicago, wo besonders viele Freiwilligenorganisationen kooperieren und sich ein gemeinsames Kühlhaus teilen.
Nach einer flotten Fahrt durchs Schneetreiben ist Thomas Stigen mittlerweile beim ersten Konsum angekommen. Die Supermarktkette ist einer der besten Kooperationspartner von Matgåvan. Allein heute fährt Stigen drei Filialen an. Den Lagerarbeitern drückt er auf dem Weg in den Kühlraum Pfefferminzbonbons in die Hand – selbst die kleinste Geste motiviere die Spender immer wieder, an die Stadtmission zu denken, sagt er.
In den Konsum-Kühlräumen warten heute die unterschiedlichsten kulinarischen Spezialitäten auf Stigen, der persönlich am liebsten für seine 16-jährige Tochter, seinen Hund und sich Hausmannskost kocht: Doch was hier in Bananenkisten gesammelt wird, ist nicht für ihn gedacht, sondern für Bedürftige in den Einrichtungen der Stadtmission. Von Mettwurst und Käse über Lamm und Lachs bis hin zu Wok- und Tandoori-Fertiggerichten ist alles dabei. „Viele der Spenden kann man bis zu einem halben Jahr tiefgekühlt aufbewahren. So sammeln sich dann von Tag zu Tag immer mehr Zutaten für ein Gericht an, bis dieses dann für ein ganzes Heim gekocht werden kann.“
Diese Lagerungsidee brauchte allerdings einige Jahre, bis Stigen sie umsetzen konnte: Während es von Anfang an mit den Essensspenden rund lief, fehlte wegen Sponsorenmangel ein eigener Kühlraum. Doch heute steht im Lager neben Paletten voller Weihnachtsknäckebrot, Konserven und Damenbinden Stigens ganzer Stolz: Ein selbstgebauter Kühlraum. Und er denkt noch weiter: „Mein Büro ist mir viel zu groß, eigentlich arbeite ich ja fast nur im Auto. Ich könnte hier noch einen zweiten Kühlraum bauen.“
11 Uhr – kurz vor der Ankunft beim Spendenempfänger der Tour, dem Frauenhaus „Klaragården”, erzählt Thomas Stigen schließlich mit einiger Überwindung, wie er zur Stadtmission kam: Alkohol – Konkurs – Offenbarungseid. Seit zehn Jahren ist er nun trocken und auch seine Schulden sind auf Null gestellt. Nicht alle konnten ihm verzeihen; zu drei Kindern hat er keinerlei Kontakt mehr. Dass er das Projekt „Matgåvan” starten konnte und nun sein eigener Chef mit viel Verantwortung ist, hat Thomas Stigen selbst gerettet: „Es ist großartig, mit 50 Jahren noch ein neues Leben anfangen zu können und zu merken, dass man von Hunderten Menschen gebraucht wird!“
(unveröffentlichte Probereportage aus dem Februar 2005)
