Amerikanische Idee nicht unbedingt auf Nova Eventis übertragbar

Im Herbst 2006 soll es soweit sein: Dann wird aus dem momentanen „Saale-Park“ zwischen Leipzig und Halle das „Nova Eventis“. Die ersten Bagger rollen bereits. Doch wird Nova Eventis ein Erfolg? Und welche Auswirkungen wird das dann größte Einkaufszentrum Ostdeutschlands auf den Leipziger Einzelhandel haben?

Von Florian Treiß

Spätestens seit die Promenaden im Leipziger Hauptbahnhof 1998 ihre Tore geöffnet haben und die Innenstadt an Attraktivität gewonnen hat, kränkelt der Saale Park im sachsen-anhaltinischen Günthersdorf vor sich hin. Der Eigentümer, die Deka Immobilien Investment, ist heute überhaupt nicht mehr mit den Umsätzen zufrieden, wie Mitarbeiter Andreas Wellstein einräumt: „Deshalb haben wir abgewägt. Zur Auswahl standen etwa kosmetische Korrekturen. Die bringen aber meist nicht viel. Auch ein Komplettverkauf des Objekts wäre sehr schwierig. Daher haben wir uns die ECE-Centermanagement ins Boot geholt.“ Schließlich hatte der deutsche Marktführer im Bereich Shopping-Center jüngst erst das veraltete Isenburg-Zentrum bei Frankfurt am Main komplett für die Deka umgestaltet.

Und so soll nun bis zum Herbst 2006 aus dem Saale-Park in vier Bauabschnitten „Nova Eventis“ werden: Das größte Einkaufs- und Freizeitzentrum Ostdeutschlands. Neben einer gläsernen Shopping-Mall mit einer Verkaufsfläche von 76.000 Quadratmetern soll außerdem noch eine Sport-, Freizeit- und Erlebnislandschaft für die ganze Familie entstehen. Die kleinen Kinder können dann im Hort abgegeben werden, die größeren gehen ins Kino, Papa spielt „Adventure-Golf“ und Mama kauft derweil ohne Stress ein.

Zwar hat dieses Konzept im 1996 in Oberhausen (Ruhrgebiet) eröffneten CentrO funktioniert. Aber ob es auf dem flachen Land zwischen Leipzig und Halle funktioniert, bleibt abzuwarten. Laut der Münchener Geowissenschaftlerin Dr. Monika Popp haben es Shopping-Center auf der grünen Wiese in der Nähe von Großstädten sehr schwer. Sie könnten allenfalls Kunden aus nahegelegen Stadtteilen, jedoch nicht direkt aus den Innenstädten anziehen. Daher sei die einzige Überlebenschance für Nova Eventis, den Freizeitaspekt konsequent umzusetzen. Doch das ist in Deutschland besonders schwierig, so Popp: „Wenn man mit Einkaufstaschen beladen ist, will man damit nicht ins Kino gehen. In den USA dagegen funktioniert diese Idee, weil dort die Läden länger geöffnet haben. Die Idee ist also wegen der deutschen Ladenschlusszeiten nicht grundsätzlich übertragbar.“

André Stromeyer, Projektmanager Nova Eventis des Hamburger ECE-Konzerns, hält dagegen: „Wir gehen von einer weiteren Liberalisierung der Öffnungszeiten aus, so dass die Kunden bei uns länger verweilen können und werden daher die Gewinner sein.“ Doch nur auf dieses Pferd zu setzen, scheint reichlich naiv. Ein Geschäftsführer eines großes Leipziger Kaufhauses vermutet, dass die ECE von der Deka Immobilien mehr oder weniger in das Projekt reingedrängt wurde, um die Partnerschaft mit Deka nicht aufs Spiel zu setzen. Dies sei zumindest zwischen den Zeilen bei den Verhandlungen in der IHK rauszuhören. Schließlich habe ECE auf der grünen Wiese keinerlei Erfahrungen und mit Promenaden und Allee-Center schon genug eigene Objekte in Leipzig. Selbst die bisherigen Ankermieter des Saale Parks wüssten zudem noch nicht, ob sie ihre Verträge verlängern würden.

ECE-Mann Stromeyer räumt ein: „Bisher hat noch niemand 100-prozentig unterschrieben. Aber die bisherigen Ankermieter werden schon bleiben. Außerdem verhandeln wir momentan mit H&M und einem großen Unterhaltungselektronik-Unternehmen“. Dies könnte etwa der Media Markt sein: Bisher hat die Metro-Tochter im konzerneigenen Löwen-Center in Leipzig-Burghausen (also kaum zehn Autominuten vom Saale Park entfernt) eine Filiale. Ein Pressesprecher der Metro Real Estate bestätigt: „Die strategische Planung fürs Löwencenter berücksichtigt beide Alternativen – mit und ohne Media Markt. Der trifft aber seine operativen Entscheidungen eigenständig. Aber das Löwencenter wird sich durch das Nova Eventis noch stärker in Richtung Nahversorgung positionieren müssen. Das ginge auch ohne Media Markt.“

Aber nicht nur dem Löwencenter könnte ein erfolgreiches Nova Eventis schaden. Geowissenschaftlerin Popp findet es schade, dass die Stadtteil-Zentren in der derzeitigen Diskussion kaum erwähnt werden. Dabei erfüllten diese wichtige soziale Funktionen. Das bestätigt auch der Autohändler Klaus Zimmermann, der der Interessengemeinschaft Lindenauer Markt vorsteht: „Ältere Kunden leiden extrem darunter, dass sie vor ihrer Haustür nichts mehr zum Einkaufen finden. In die Center fahren doch nur Leute unter 50 Jahren.“

Der Leipziger Stadtteil Lindenau liegt genau in der Achse zwischen Leipziger Innenstadt und Saale-Park. Damit die ehemalige Industrie-Gegend nicht bald vollständig ausstirbt, hat das Stadtplanungsamt Leipzig mit dem „Stadtentwicklungsplan Zentren“ hier und in anderen Stadtteilen eine Re-Urbanisierungsoffensive eingeleitet. Man will die Menschen also zurück von der grünen Wiese in städtischere Gefilde locken. Der Lindenauer Markt bietet dafür gute Voraussetzungen: Ein Straßenbahn-Umsteigepunkt ermöglicht theoretisch hohe Besucher-Frequenzen. Moderne Kunstobjekte sorgen für einige Hingucker, das Theater der jungen Welt für Kultur. Doch sieht man einmal genauer hin, bröckelt es hinter der Fassade: Betritt man etwa den Vorraum der Deutschen Bank, liest man „Filiale geschlossen – nur noch Automatenservice“. Ein Supermarkt mit Parkhaus fehlt – er wird schon seit Jahren versprochen, aber immer wieder sprangen Investoren ab. Doch nun soll er angeblich wirklich mit einer Kaufland-Filiale kommen.

Vielleicht die letzte Hoffnung für Gabriele Leichter. Sie betreibt seit 21 Jahren am Lindenauer Markt ein kleines, eigentümergeführtes Beleuchtungshaus. Seit nach der Wende immer mehr Menschen abwanderten und dann auch noch der Saale Park und andere Shopping Center eröffnet hätten, sei die Situation sehr schwierig. Sie habe im Laufe der Zeit alle fünf Angestellten entlassen müssen und zuletzt sogar ihren eigenen Mann, damit der für das Ehepaar anderweitig Geld verdienen könne. Nach der ersten Konsumwelle Anfang bis Mitte der 1990er Jahre habe sich die Situation zwar zwischenzeitlich gebessert, Qualität und Beratung wurde wieder gefragt, aber seit 2002 gelte wie noch nie „billig, billig, billig“. Einziger Grund, dass sie den Laden bislang noch nicht aufgegeben habe, sei ein Schuldenberg von noch immer rund 50.000 Euro, der nach der Geschäftrenovierung vor ein paar Jahren immer langsamer schrumpfe.

Und auch Bernd Junghähnel, Uhrmachermeister am Lindenauer Markt, sieht sich in seiner Existenz bedroht: Der Familienbetrieb besteht nun schon seit 1905, überstand also zwei Weltkriege und mehrere Wirtschaftskrisen. Aber heute wird sein Laden kaum noch frequentiert. Die Leute kaufen stattdessen lieber bei den Uhren-Ketten Christ oder Weiss in Shopping-Centern zu Billig-Preisen ein. „Das ist doch unlauterer Wettbewerb gegenüber uns Kleinen. Aber wir haben ja sowieso keine Chance, die Center und deren Filialisten können sich im Gegensatz zu mir eine ganze Anwaltschar leisten.“ Daher könne es sein, dass er sein Laden bald schließen müsse, denn er könne dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten. Aber die Hoffnung stirb nie: „Trotz Nova Eventis werde ich meinen Laden sicher nicht schließen müssen, wenn Leipzig die Olympiade bekommt.“

(Der Beitrag entstand im Rahmen eines Recherche-Seminars der Uni Leipzig im Juli 2003)