Porträt: Jörg Thadeusz
Auszug aus dem „Lexikon der TV-Moderatoren“
(Im August 2003 unter Herausgeberschaft von Michael Völkel bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen)
JÖRG THADEUSZ
* 10.08.1968 in Dortmund, eigtl. Jörg Thomas Thadeusz
Euro-Gildo-Gala (WDR, 1998), Popkomm-Talkshow (WDR, 2000), extra 3 (NDR, seit 2000), EinsLive Krone (WDR, seit 2000), Sport im Westen (WDR, seit 2002)
Von Florian Treiß
„Es kann doch nicht so schwer sein, einen Araber zu fangen, der ein Dialysegerät hinter sich herzieht,“ stellte Jörg Thadeusz im Jahr 2002 fest, nachdem die US-Amerikaner schon viele Monate nach Osama bin Laden gesucht hatten. Eine Moderation im Satire-Magazin „extra 3“, die typisch für ihn ist. Die Texte sind stets subtil, gekennzeichnet von politisch-pointiertem Humor. So bezeichnete der selbsternannte Sarkast die wiedergewählte Schröder-Regierung als „Kukident-Truppe“, sprach vom „Fidel Castro aus dem Saarland – Oskar Lafontaine“ und vom „Verteidigungsminister Rummmsfeld, der so blond wie Dieter Bohlen redet“.
Mag der Gag auch noch so grob sein, Thadeusz bewahrt stets Haltung (korrekt im Smoking mit Fliege) und verzieht nie die Miene. Mit seiner perfektionierten Art des trockenen Humors prägt er seit Oktober 2000 das „televisionäre Kleinod der politischen Satire“ (Neue Osnabrücker Zeitung) des NDR.
Sein Werdegang ist für einen Mann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eher ungewöhnlich. „Immer, wenn ich auf Partys stehe, muss ich eigentlich sagen: Ich bin Abiturient. Geschichtsstudium abgebrochen, kein Volontariat…“, vertraute er der Frankfurter Rundschau an. Neben Geschichte studierte „der freundliche Kohlenpötter“ (Neue Osnabrücker Zeitung) übrigens auch noch Politikwissenschaften, und zwar in Bochum und München. Er schlug sich aber auch als Liegewagenersatzschaffner, Müllwagenentleerer, Aushilfsmaurer und Johanniter-Sanitäter durchs Leben. Dieser Job inspirierte ihn auch zu seinem 2003 erschienen ersten Roman: „Rette mich ein bisschen. Ein Sanitäter-Roman.“
Erste journalistische Erfahrungen sammelte Thadeusz bei den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“. Nach einem Praktikum im Dortmunder Lokalfunk des WDR wurde er fester freier Mitarbeiter als Reporter und später Moderator. 1994 folgte dann ein sechswöchiger Aufenthalt in Uganda im Rahmen des journalistischen Stipendiaten-Programms der Hans-Kühn-Stiftung. Im selben Jahr wechselte Thadeusz zur neuen NDR-Jugendwelle N-Joy Radio nach Hamburg und Rostock. Neben der Moderation verantwortete der von seinem Vater wegen seiner dünnen Beine „Flamingo“ Genannte als Redakteur die Berichterstattung aus Mecklenburg-Vorpommern.
1995 begleitete der 90-Kilo-Mann im WDR-Auftrag ein Kontingent des Technischen Hilfswerks nach Ruanda und übernahm das Ruder bei der Morning-Show des jugendlichen WDR-Senders EinsLive. Parallel dazu moderierte er ab 1996 den „Kurier“ auf NDR 2. Bis heute hat Thadeusz sich nicht ganz vom Medium Radio lösen können: Auf Radio Eins (ORB/SFB) moderiert er seit 2001 samstags von acht bis zwölf Uhr aus Potsdam die Wissenschaftssendung „Die Profis“.
Aber bereits seit 1998 ist er hauptsächlich beim Fernsehen aktiv. Damals präsentierte der „markante Moderator“ (Selbstzitat) im Rahmen des Grand Prix Eurovision die neunminütige „Euro-Gildo-Gala“ live aus den WDR-Arkaden. „Zimmer Frei“ machte den passionierten Jogger schließlich zur Kult-Figur. Als Außenreporter deckte er mit „investigativen Reportagen“ beispielsweise auf, dass das Großherzogtum Luxemburg in Wahrheit Frank Elstner gehört. Für derartige „mit schneller Zunge und Sezierblick“ (Berliner Zeitung) präsentierten Beiträge wurde der gebürtige Dortmunder 2000 in der Kategorie „Journalistische Unterhaltung“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seine Reporter-Talente stellt er außer in „Zimmer Frei“ gelegentlich auch noch beim ARD-Morgenmagazin unter Beweis.
Am 12. Oktober 2000 trat Thadeusz dann schließlich die Nachfolge von Michael Gantenberg als bereits achtzehnter „extra 3“-Moderator beim NDR an. Das Magazin versteht sich laut NDR-Fernseh-Chefredakteur Volker Herres übrigens als „Avantgarde der Spaßgesellschaft“ – für Thadeusz dagegen ist es eher eine „Jugendfreizeitstätte für alte, gescheiterte Journalisten“. Jeden Donnerstag präsentiert er nun das dreißigminütige Format „mit dem Blick eines treuen Berner Sennenhundes und verschmitztem Lächeln“ (Berliner Zeitung). Sein persönliches Ziel, Johannes B. Kerner einmal in der Einschaltquote zu schlagen, ist aber dennoch in weiter Ferne: 2001 schauten im Schnitt dreihundertsechzigtausend Köpfe zu.
Seinem Ruf als „Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Frager“ (Frankfurter Rundschau) macht Thadeusz gegenüber seinen meist politischen Gästen dabei alle Ehre. Nicht umsonst hat Medienprofi Jürgen Möllemann aus Angst vor dem verrufenen Interviewer jede Einladung in die Sendung abgelehnt – und das, obwohl Thadeusz Wert darauf legt, dass sich die Gäste als richtige Gäste fühlen. Daher wird in der Sendung gelegentlich ein Drei-Gänge-Menü serviert, guten Wein gibt es sowieso immer, und geraucht werden darf in dem Studio in Hamburg-Lokstedt auch. Gelegentlich singt der freiberufliche Moderator seinen Gästen als Tischmusik sogar selbst – begleitet von Pianist Mark Scheibe – ein Chanson vor.
Dass Thadeusz die Rolle des “extra-3″-Sarkasten längst nicht mehr auf Zuruf abschalten kann, kann man seit einiger Zeit unregelmäßig sonntags im WDR-Fernsehen bei „Sport im Westen“ beobachten. So bezeichnet der „Rundfunk-Nomade“ (Berliner Zeitung) hier Matthias Sammer mit seiner üblichen Eloquenz als „King of Cool“. Kurze Zeit später stellt er fest, dass „Sammer sich immer über Fernsehheinis ärgert, die doofe Fragen stellen“, nur um hinterher selber im Interview scheinbar klügere Fragen an den Dortmunder Meistertrainer zu richten.
Thadeusz Lebensmotto lautet: „Nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“. Der ARD-Korrespondent Werner Sonne ist dabei sein großes Vorbild. Der Neuen Osnabrücker Zeitung verriet er, wieso: „Ich arbeite doch in einem Hochstapler-Gewerbe. Ich muss doch immer so tun, von allem eine Ahnung zu haben. Der [Werner Sonne] hat so ein scharfkantiges, markantes Gesicht, während ich eher den slawischen Rundschädel besitze. Außerdem hat er graumeliertes Haar. Dadurch wirkt er immer so, als ob er genau weiß, wovon er spricht – was ich allerdings bezweifle.“ Trockener Humor mit einer Prise Selbstironie, wie er Jörg Thadeusz ausmacht.
