Von Bloggern abschreiben statt Recherche
Gerade entdeckt: Auf den Seiten der Schweizer Zeitung “heute” werden Blogger gepreist. Im Text von Thomas Benkö heißt es zunächst sehr schön:
Flinke Blogger schleusen News an Journalisten und Pressestellen vorbei – Liveblogging revolutioniert Medienarbeit. [...] Das Herrschaftswissen von Journalisten ist passé. «Liveblogging» bringt News von Pressekonferenzen oder Wahlveranstaltungen direkt auf den Bildschirm von Internet-Usern.
So weit, so schön. Da können sich die Blogger ja auf die Schultern klopfen. Bedenklich ist meiner Meinung nach aber das Fazit des Beitrags, denn da heißt es:
Für Journalisten ist Liveblogging aber auch eine Chance. Denn als wir auf www.heute-online.ch als erstes grosses Schweizer Medium über die neuen iPods berichteten, verliessen auch wir uns nicht auf Agentur oder Pressemeldung – wir zapften frech die Livefeeds der US-Blogger an und übersetzten deren Postings auf Deutsch. [...] Weiterer positiver Nebeneffekt: Wir konnten uns die mühselige Flugreise sparen.
Ich finde das journalistisch sehr bedenklich. Zwar ist ja in der Tat bequem, “frech Livefeeds der US-Blogger abzuzapfen”. Doch wo ist da bitteschön noch der journalistische Anspruch, etwas selber zu recherchieren? Zumal: Bei einer Pressekonferenz werden meist auch nicht all zu viele kritische Fragen gestellt, da kann ich letztlich auch gleich von der Pressemeldung abschreiben. Oder es einfach lassen.
Denn sowas ist letztlich auch nur ein Bericht von einer toll inszenierten PR-Veranstaltung. Die Schnelligkeit dieser (vermeintlichen) News im Sekundentakt wertet die Qualität nicht auf.
Siehe dazu auch meinen Beitrag “Innenansicht Spiegel Online”.
(via Medienlese)
Saddam und 9/11
Unglaublich, was eine Umfrage im Auftrag von New York Times und CBS am vergangenen Wochenende ergeben hat: Ein Drittel der US-Amerikaner denkt noch heute, Saddam Hussein wäre in die Anschläge des 11. September verwickelt gewesen.
33 percent of all Americans, including 40 percent of Republicans and 27 percent of Democrats, say Saddam Hussein was personally involved in the attacks on Sept. 11, 2001.
Dabei sprechen die Fakten doch schon seit Jahren eine andere Sprache und es ist geradezu skandalös, dass ein Drittel der Amis sowas denkt. Dan Gillmor (Autor von “We the Media”) merkt sarkastisch an, dass die Journalisten hier offenbar auch versagt haben:
The continuing scandal is that media organizations are doing so little to correct the record. Because it is not enough to run an occasional story debunking the lie. If I ran a newspaper I would make it a mission to educate people about the truth in these kinds of situations. If the job of the press is not to make as many people as possible understand the truth about big issues such as this, then what is?
Kommentare löschen – ja oder nein?
Robert Basic hat zur Diskussion aufgerufen, was in Blog-Kommentaren erlaubt ist und was nicht. Ich möchte das hier mal aufgreifen, zumal ich mich in den letzten Tagen mehrmals selbst mit dieser Frage beschäftigen musste. Hintergrund ist: In wieweit akzeptiere ich Äußerungen in den Kommentaren, die radikale politische Meinungen vertreten? Sobald ich hier im Blog in den letzten Tagen Themen mit rechten Schnittpunkten aufgriff, äußerte sich ein spezieller Herr aus Berlin unter anderem so:
Wer den Rauswurf von Eva Herman befremdlich findet: er ist meines Erachtens nur konsequent in einem Land, was sich einem Kampf gegen rechts verschrieben hat und damit sein Problem mit der gelebten Demokratie beweist. Jährlich mehrere tausend Strafverfahren wegen des §130 STGB richten sich gegen Meinungsäußerungen national eingestellter Menschen. Wer diese Verfahren begrüßt, muß sich nun nicht wundern, wenn im Kampf gegen rechts auch Menschen wie Frau Herman ausgegrenzt werden, die sich für konservative Familienwerte einsetzen.Was mit dem Rausschmiß von Hohmann aus der CDU begann, ist mit der Entlassung von Frau Herman noch lange nicht zu Ende. Unter den gegebenen Umständen ist die NPD-sicher weniger aus liberalen denn aus speziell nationalen Motiven heraus-die Partei, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt.
Die gleiche Person schrieb zudem:
Da verwundert es nicht, daß gerade die SPD sich dabei hervortut, den politischen Gegner per Verbot ausschalten zu wollen.Wer Genosse der Bosse sein will und dabei die kleinen Leute verrät, muß sich nicht wundern, wenn diese kleinen Leute sich eine neue politische Heimat wählen.Andere Bundesländer werden nachziehen bei dieser Entwicklung, zuerst im Osten, in einigen Jahren, wenn die Jugend auch dort ihre Perspektivlosigkeit entdeckt, auch im Westen. So könnte es klappen mit einer nationalen Revolution, die dem Normalbürger wieder die Herrschaft in seinem Land verschafft und nicht linksalternativ-schnöseligen Akademikern, die das Volk verachten.
Ich habe mich entschieden, diese beiden Kommentare einer mir namentlich bekannten Person zu löschen. Denn ich bin Anhänger der “Wohnzimmer-These” (Gruß an die Kollegen von Heldenstadt, wo wie intern auch schon darüber gesprochen haben). Das heißt, ich möchte bei mir im Blog nur Meinungen lesen, die auch in meinem Wohnzimmer geäußert werden dürfen. Und diese Kommentare gehören definitiv nicht dazu. Denn auch wenn ich die Kommentare radikal gelöscht habe und dem Verfasser dies per Mail begründet habe, scheue ich hier auch die inhaltliche Diskussion nicht:
- Wer bei mir im Kommentar indirekt und in seinem eigenen Blog direkt dazu aufruft, § 130 des Strafgesetzbuchs abzuschaffen, der zeigt meiner Meinung nach eine undemokratische Haltung. Denn der Paragraph ist der sogenannte Volkshetzungsparagraph, und der hat seine Berechtigung. Denn darin wird folgendes unter Strafe gestellt: Aufstachelung zum Haß gegen die Bevölkerung oder Teile dieser; Billigung, Leugnung oder Verharmlosung des von den Nationalsozialisten begangenen Völkermords; Störung der Würde der Opfer der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft. Mit Hilfe dieses Paragraphen wird u.a. gegen die Leute vorgegangen, die von der Auschwitz-Lüge sprechen.
- Und die “nationale Revolution” scheint unter anderem genau dies im Sinn zu haben.
Deshalb habe ich die entsprechenden Kommentare gelöscht. Mit der heiligen Kuh “Meinungsfreiheit” zu argumentieren, um die Forderung nach Abschaffung des § 130 zu unterstreichen, ist völlig daneben.
Ein zweiter Grund ist noch, dass diese Kommentare Spam sind. Denn sie wurden parallel in einer Vielzahl Blogs im Wortlaut gepostet.
Ich habe aus diesem Grund am Wochenende bei der Kommentar-Funktion einige Hinweise eingebaut, was in den Kommentaren nicht zulässig ist.
Von Schawinski lernen?
Filed under: Fernsehen, Journalismus, Leipzig
Pünktlich zum Start seines Buchs “Die TV-Falle” (sponsored Link/Amazon.de) geht Roger Schawinski offenbar auf große Tournee, um seine Erkenntnisse über sein Scheitern bei Sat.1 an andere TV-Macher weiterzugeben. Denn bei der MML Academy in Leipzig wird es am 23. und 24. November einen Workshop mit dem Ex-Sat.1-Chef geben. Maximal 20 Teilnehmer sind zugelassen, wenn der Meister spricht, und geschenkt bekommt man das natürlich auch nicht: 490 Euro sind der heiße Preis. Auf der Webseite des MML heißt es dazu:
TV-Konsumenten treffen mit ihrer Fernbedienung Entscheidungen, die kaum mehr vorhersehbar sind. [...] So sinken die Quoten und Werbeeinnahmen stagnieren oder gehen gar zurück. Dass dieser Prozess nicht unausweichlich ist, dass es möglich ist, gegenzusteuern, darauf macht Dr. Roger Schawinski in einem spannenden Workshop in der MML Academy aufmerksam. Der ehemalige SAT.1-Geschäftsführer sieht für das Fernsehen große Zukunftschancen – wenn die Programmplaner rechtzeitig umdenken und ihren Spielraum zwischen Einschaltquotendiktat, Formatierung und inhaltlicher Kreativität effizient nutzen.
Roger Schawinski referiert u.a. über folgende Themenbereiche:
- Publikumsforschung und ihre Probleme: Befragung von Panels und Fokusgruppen in den verschiedenen Stadien des Entwicklungsprozesses einer Sendung –> Interpretation von qualitativen und quantitativen Daten
- Programmierung: Kriterien der Programmierung nach Einschaltquoten und Deckungsbeiträgen
- die Kunst des Gegenprogrammierens: “thinking out of the box” – wie man eherne Programmierungsregeln in Frage stellen kann
- Audience Flow
- [...]
Mehr Infos zu Schawinskis Buch “Die TV-Falle” gibt es unter anderem in diesem Blog (Eins, zwei). Interessant ist zudem der Beitrag des JakBlogs zum Schawinski-Hype. Dort heißt es, die Journalisten würden Schawinski nun gern als “Mahner” und “Kronzeugen” zum Verfall der Qualität im Fernsehen nutzen.
Downloading is stealing
Filed under: Fernsehen, Film, Medien, Spaß
Hier ein witziger Spot zu illegalen Filmdownloads im Internet, gefunden via Indiskretion Ehrensache:
Zusammenfassungen Jonnettag
Wie schon berichtet, fand am Samstag die (Un-)Konferenz “Jonnettag Mediacamp” in Hamburg statt. Ich selbst war nicht dort, möchte aber nun auf einige Zusammenfassungen der Diskussionen/Panels dort hinweisen:
- Geld verdienen mit Bürgerjournalismus: Sowohl bei UPLOAD, bei Blog Age als auch bei Medienlese gibt’s dazu Beiträge, die sich mit dem Projekt myheimat.de beschäftigen.
- Corporate Publishing: Ebenfalls bei UPLOAD nachzulesen, wie man z. B. für Sternburg Bier aus Leipzig ein zeitgemäßes CP-Konzept entwickelt hat.
Eva Herman zu braun
Der NDR hat mit sofortiger Wirkung die Talkmoderatorin und ehemalige Tagesschausprecherin Eva Herman entlassen. Das melden verschiedene Online-Medien. Sie hatte bei einer Buchpräsentation umstrittene Äußerungen getätigt. So schreibt SpON:
Die 48-Jährige hatte Teilnehmern zufolge bei der Vorstellung ihres neuen Buches am Donnerstag in Berlin erklärt, im Dritten Reich sei “vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler”. Einiges sei aber auch gut gewesen, “zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter
.”
Und weiter heißt es aus der NDR-Chefredaktion bei SpON:
Dies sei nicht der erste Vorfall dieser Art gewesen, erklärte Herres. “Auch Frau Hermans geplanter Auftritt bei einer Unterorganisation der rechtspopulistischen FPÖ, den sie erst nach Intervention absagte, war ein solches Missverständnis.”
Nachtrag: Im Blog der Grünen-Politikerin Julia Seeliger entfacht sich zum Thema eine größere Diskussion.
Jonet-Tag Mediacamp
“Eine Mischung aus Journalisten-Konferenz und Blogger-Unkonferenz wird heute in Hamburg versucht”, schreibt Jan bei UPLOAD. Und zwar findet dort der Jonet-Tag Mediacamp statt, zu dem ich eigentlich auch gerne hingefahren wäre. Hab’s aber leider nicht hinbekommen. Aber dank der Blogosphäre kann man das Meeting natürlich auch gut online verfolgen: So schreibt Jan u.a.:
In der Diskussion danach ging es um Journalismus und Blogger und beispielsweise um den Fakt, dass der Journalismus einmal so begann, wie heute das Bloggen. Im Prinzip sind Journalisten demnach auch Blogger, sie haben nur schon seit gut 200 Jahren Traditionen und Normen entwickelt. “Ein Mann und eine Druckmaschine” – so sei das in der Anfangszeit des Journalismus gewesen.
Und Florian beschreibt bei Medienlese die Teilnehmer der (Un-Konferenz):
Seit einer knappen Stunde sitzen knapp 100 Journalisten, Blogger, Journalistenblogger, Bloggerjournalisten und sonstige Medienschaffende [...] zusammen.
Peter Schink merkt bei Blog Age an:
Gleich zum Start hat sich Falk ein wenig versprochen. Er freue sich, sagte er, dass sowohl Journalisten, „und solche Leute, die sich als Blogger definieren“, anwesend sind. Am Ende gibt es da gar keinen Unterschied. Aber wem erkläre ich das?
Vielmehr gibt es einen Unterschied in Verbreitungswegen, Sichtweisen, Medienkonsum, Verständnis. Schuld daran scheint dieses komische, dubiose „Internetz“ zu sein. Darum geht es heute: Um die Zukunft des Journalismus im Internet.
Die Veranstalter haben zudem eine Seite geschaltet, die aktuelle Live-Beiträge aus Hamburg vom Jonettag verlinkt.
Autolobby ausbremsen
Bereits im Februar hatte ich an einem Fernsehbeitrag für FAKT (ARD) mitgewirkt, in dem es um verbindliche CO2-Grenzwerte für Neuwagen ging (das Skript kann man hier nachlesen). Damals noch wollte die EU den Grenzwert auf 120 Gramm pro Kilometer (entspricht ca. 5 Liter Benzin oder 4,5 Liter Diesel pro 100 Kilometer) festlegen und die Autolobby protestierte vehement. So hieß es damals in einem Brief der deutschen Autohersteller an EU-Präsident Barroso: “Eine Abwanderung zahlreicher Arbeitsplätze bei den Automobilherstellern … wäre die unmittelbare Folge.” Kurz darauf gab die EU ein wenig nach, nun sollte der Grenzwert faktisch nur noch 130 Gramm betragen (siehe SpON). Und zwar bis zum Jahr 2012.
Doch die Autohersteller machen offenbar weiter Druck: Nächste Woche wird das Thema im EU-Umweltausschuss behandelt. Und nun steht auf einmal zur Debatte, den Grenzwert erst aufs Jahr 2015 festzuzurren. Meiner Meinung nach sollte man aber lieber früher als später handeln, um den Klimawandel ein wenig zu bremsen. Deshalb braucht man die Grenzwerte so früh wie möglich, und zwar juristisch verbindlich. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Autoindustrie die Politik immer wieder um den Finger gewickelt hat. So gibt es bis heute keine verbindlichen Grenzwerte, weil die Autohersteller sich freiwillig verpflichtet hatten, bis 2008 den Flottenverbrauch bei den Neuwagen auf 140 Gramm pro Kilometer zu begrenzen. Doch das schaffen Sie definitiv nicht: In Europa liegen wir bei 160 g/km, in Deutschland sogar bei 170 g/km.
Auf jeden Fall hat Campact eine schöne Kampagne gestartet, um bis Mittwoch möglichst viele Unterschriften gegen den erneuten Rückschlag für den Klimaschutz zu sammeln. Dazu gibt es auch ein witziges Video:
Film läuft nicht? Flash 9 downloaden!
Mehr Infos zur Kampagne gibt’s auf spritschluckerstoppen.de. Mehr Infos zu Campact und einer anderen Kampagne dieses Online-Netzwerks gibt’s übrigens im Textdepot.
Kommandosache BM
Journalistenschüler der Axel-Springer-Akademie führen heute die “Kommandosache BM” durch: Sie haben für einen Tag die Berliner Morgenpost übernommen. Und dazu wird (semi-)live gebloggt, siehe im jepblog. Hintergrund der Aktion in zwei weiteren Beitragen: Eins, zwei.
Kleiner Hinweis an die Macher – Fotos könnte man auch stärker komprimieren, die Ladezeiten sind echt übel. Ansonsten viel Erfolg beim Projekt!




