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Free Rainer – Dein Fernseher lügt
Dieser Film wird in nächster Zeit wohl nicht nur Filmkritiker, sondern auch Medienjournalisten beschäftigen: “Free Rainer – Dein Fernseher lügt”, der neue Film von Hans Weingartner, hatte gestern offizielle Weltpremiere auf dem Filmfestival in Toronto. Dort war ich zwar nicht, dafür aber auf der inoffiziellen Weltpremiere in Leipzig im Rahmen der Filmkunstmesse.
Disclaimer vom 17.11.07: Diese Rezension bespricht eine bei der Vorabvorführung gezeigte 137-minütige Fassung. Der Film wurde mittlerweile auf 124 Minuten gekürzt!
Inhalt:
Moritz Bleibtreu spielt Rainer, einen TV-Produzenten, der den Leuten Trashfernsehen frei Haus liefert. “Unaufhörlich koksend, entwickelt er Shows der stumpfesten Sorte”, so der Verleih Kinowelt. So sehen wir am Anfang auch eine der Shows von ihm, dessen Prinzip es ist, für eine Frau den stärksten Samenspender zu finden, der dann 28 Tage Zeit bekommt , ihr ein Kind zu zeugen und vielleicht auch noch glücklich mit ihr zu werden.
Doch dann überlebt er ein Attentat auf sich nur knapp – eine Racheaktion einer jungen Frau (Elsa Sophie Gambard), deren Großvater sich nach einer von Rainers Sendungen das Leben genommen hatte. Rainer erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Er versucht sich an einem seriösen, medienkritischen Fernsehmagazin, dass aber schon nach einer Folge wegen Quotenmangel wieder abgesetzt wird. Er kann nicht glauben, dass die Menschen wirklich nur Trash sehen wollen. Die Quoten müssen manipuliert sein! Rainer hängt seinen Job an den Nagel und bricht auf in einen aberwitzigen Guerillakampf um die Macht über die Quoten. Der Schlüssel dabei sind die IMA-Boxen, die die Quoten messen. Nur mit Zugang zu diesen Geräten hält Rainer es für möglich, eine Kulturrevolution im Fernsehen bzw. Qualitätsoffensive realisieren zu können.
Kritik:
“Free Rainer” beginnt wirklich furios und actionreich – noch vor Start der eigentlichen Handlung erleben wir den TV-Manager bei einem derben Ausraster. Er rammt einen Poliziewagen, rast mit seinem Jaguar durch Berlins Straßen, kokst am Steuer und zertrümmert seinen Wagen nach einem Auffahrunfall mit dem Baseballschläger noch mehr, als er sowieso schon demoliert ist. Rasant geht’s weiter bis zum Attentat auf ihn. Dabei kommt es zu einer genialen Nahtod-Sequenz. Bis dahin macht der Film richtig Spaß, dafür sorgt vor allem der rasante Schnitt von Andreas Wodraschke.
Doch mit Beginn des Hauptplots – also der Kampf um die Macht der Quoten – nach 20-30 Minuten verliert der Streifen deutlich an Tempo. Und auch die Originalität sinkt leider mit der Zeit, der Film ist leider zu lang geworden (fast 140 Minuten), zumal es keinerlei überraschende Wendungen gibt. Alles ist verdammt voraussehbar. Und auch was Daniel Licha bei moviemaze.de nach dem Sehen einer Vorabversion noch lobte – dass der Film die Liebesgeschichte der beiden Hauptcharaktere nur andeute und das der Film mit einem überzeugenden Ende abschließe – kann ich auf jeden Fall so nicht unterschreiben. Auch meine Kino-Begleitung meinte, dass das alles viel zu plump sei (die Liebesgeschichte wird zwar fast den ganzen Film über nur angedeutet, aber am Ende…).
Auch wenn ich mich auf den Film gefreut hatte – überzeugt hat er mich nicht. Zumindest das breite Publikum wird sich fragen, was das besondere an dem Streifen sein soll. Ab dem Beginn des Hauptplots wirkt das ganze auch mehr wie ein Buddy-Movie mit viel Schwarz-Weiß-Malerei und nicht wie Medienkritik.
Nun kann man natürlich anmerken, dass ganze sei eben sehr subtil angelegt. Letztlich arbeitet der Film ja gerade mit den Erfolgsrezepten des Fernsehens. Wie Ex-Sat.1-Chef Roger Schawinski bei seiner Analyse der gescheiterten Serie “Blackout” anmerkte:
Fernsehproduktionen funktionieren bei einem breiten Publikum heutzutage nur dann, wenn die Helden moralisch klar zugeordnet werden können. Die Zuschauer wollen gleich von Beginn an erkennen, wer die Guten und wer die Bösen sind. (mehr bei zeit.de, Anmerkungen dazu bei trice.de)
Und so ist eben auch der Film – Rainer und Konsorten kämpfen für Qualitätsfernsehen und gegen die Verdummung der Menschheit durchs Fernsehen, soweit ist also alles moralisch klar zugeordnet. Nur ist das dann letztlich so selbstreferentiell und mit Insider-Gags gespickt, dass der 08/15-Kinogänger es extem schwer haben wird, zu verstehen, dass das Trashfernsehen hier mit seinen eigenen Mitteln demontiert werden soll und was der Film überhaupt will.
Deutschlandweit wird der Film am 15. November in die Kinos kommen. Mehr Infos bei Kinowelt.de und in der IMDB.
Und hier noch zwei Reaktionen aus Toronto von der Weltpremiere, mehr konnte ich im Netz bislang nicht finden. Da kommt der Film definitiv nicht gut weg:
Reclaim Your Brain [Germany, Hans Weingartner, **] After a post-assassination attempt epiphany, a coke-huffing TV exec fashions a scheme to culture jam the ratings system. Attempt at a gentle Man In the White Suit-style satire for the reality TV era lacks the deftness of touch for the very difficult tonal balance that entails. (Robin_D_Laws)
Und Nr. 2:
First, though, there was Reclaim Your Brain, a German film by the director of the well-liked The Edukators. Reclaim will probably not fare as well. It’s a story about a dickhead television producer who turns over a new leaf and decides to take down the TV ratings system that’s selling crap to his culture. Crucial contrivances and a bland, obvious point do nothing to mediate the lack of any significantly memorable dialogue or performance. More than once I forgot what I was watching. I’m far too young for that, so I blame the film. (chud.com)
Nachtrag 14.9.: Mittlerweile hat Die Welt über den Film geschrieben – zum Artikel geht’s hier. Dort heißt es u.a.:
Mit sanfter Ironie zeichnet Weingartner sein Wunschbild einer geistig befreiten Gesellschaft, in der auf offener Straße hitzige Debatten über politische Magazine entstehen und die Menschen nicht mehr nur vor der Glotze abhängen, sondern sich zur kollektiven Buchlektüre auf sonnigen Parkwiesen treffen. [...] Weingartner beweist sich wieder einmal als hoffnungsloser politischer Romantiker. Aber gerade diese utopische Energie ist es, die den Film über so manche dramaturgische Schwäche hinwegträgt.
Ergänzung 30.10.2007: Zum Film ist nun auch ein Audiomitschnitt einer Q&A-Runde mit dem Team verfügbar, siehe hier.
Ergänzung 16.11.2007: Kinowelt hat dankenswerterweise die wohl beste Szene des Films ins Netz gestellt, siehe hier.
Kommentare
7 Kommentare on Free Rainer – Dein Fernseher lügt
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kleines Licht on
Mi, 12th Sep 2007 13:08
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Markus on
Sa, 15th Sep 2007 10:59
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Babi on
Mi, 31st Okt 2007 21:20
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klaus on
So, 4th Nov 2007 13:34
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quote on
Mi, 7th Nov 2007 13:34
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jw on
Mo, 12th Nov 2007 11:52
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Babi on
Fr, 16th Nov 2007 19:56
Da ich diesen Film “Free Rainer” gestern auch in Leipzig, sah muss ich hier dennoch klarstellen, dass der Film die Dimension von Weingartners
bisheriger Arbeit fortsetzt und an seinem Stil eines aufgeklärten medial und mündigen Zuschauer richtet, welcher völlig natürlich den Inhalt über Tempo und Actionsreichtum stellt. Leider entfernt
sich die Filmkritik von Florian Treiß sehr vom tatsächlichen Inhalt, da wenig Hintergründigkeiten angebracht werden, die hin zur Kritik am derzeitigen Mediensystem führen dürften und reale Zusammenhänge und Verstrickungen von Wirtschaft, Medien und Politik zeigen, welche eine geforderte objektive Meinungsbildung untergraben. Zudem kann auch der Mut Weingartners, zur Verwendung von abstrakten Verschwörungtheorien welche aus
dem Sumpf ihrer Begrifflichkeit gezogen worden, als aufklärerisch und diesmal nicht zur breiten Verwirrung beitragend, unter ein positives Resümee fallen.
Da Weingärtner den Kreis von Unterschlagung öffentlicher GEZ Geldern durch manipulierte
Umfragen und deren Verwendungszweck vorführt, welcher am Horizont auch denkbar antastbare
Wahlcomputern die durch technokratischen Einsatz zur Demokratiebedrohung führen, ist dessen Wert auch denkbar nachhaltig zukunftsweisend.
Die Erwartung an die Filmwahrnehmung, welche durch anfängliches Tempo im Film erzeugt wird, gleicht sich inhaltlich völlig aus und bringt dem Zuschauer teilweise selbst in die Lage,
weg von Action und Mainstream zu rücken und genau dies macht den Selbstversuch Kino mit Weingartner aus, was heutige Aufklärung bedeutet. Deshalb kann ich nur sagen auf in den Selbstversuch
Free Kino vs. free TV. Absolut Sehenswert!
Ground Group42
Der Film läuft nächste Woche auf dem Internationalen Filmfestival in San Sebastián. Dort wird er interessanterweise mit 129 Minuten Länge laufen:
http://sansebastian.mister-i.com/galerias2007/pelicula_in2.jsp?id=550165
Ich werde ihn dort sehen, für die Kürzung bin ich schon mal dankbar; es gibt nichts schlimmeres als zu lange Filme.
IMDB spricht von einer Länge von 120 Min. Evtl. hat man ihn schon ein bisschen gekürzt?
Also da muss ich mal ganz klar gegen den Film aussprechen. Der naive Film wird seinem Anspruch in keinster Weise gerecht. Unter filmischen Gesichtspunkten ist er sogar richtig belanglos und vorhersehbar wie ich finde und wird von daher durch seinen undifferenzierten medienkritischen Impetus allenfalls bei biederem Bildungsbürgertum Anklang finden.
Keinem normal denkenden Menschen sollte es neu sein, dass im Fernsehen viel Scheiße zu sehen ist. Die These, dass TV die Zuschauer für dumm verkaufen will, lässt sich leider an manchen Stellen auch genauso auf den Film beziehen.
Die Figuren sind stereotyp und undifferenziert angelegt, Rainers Sinneswandel ist überhaupt nicht nachzuvollziehen. Dass man ihn ungefähr 50mal beim Koksen sieht, kann man z.B. nicht unbedingt als subtil bezeichnen. Oder auch der Pförtner, der bei der IMA arbeitet. Ja so ein Zufall, dass er eigentlich genauso ein Systemgegner ist wie Rainer und seine Kollegin und sich den beiden anschließt. Zufälligerweise ist er auch natürlich auch noch ein Technikexperte, der das nötige know how mitbringt (Wie konstruiert kann ein Film oder eine Figur denn bitte eigentlich sein?)
An dem Film gibt es soviel zu bemängeln und soviele Stellen, an denen ich mich über die Naivität der Inszenierung aufgeregen musste, dass ich eigentlich gar keine rechte Lust habe, alle diese Madigkeiten hier aufzuzählen. Ich hatte mich einigermaßen auf den Film gefreut und bin total enttäuscht.
Noch eine kleine, rein inhaltliche Randnotiz: Ich bin bestimmt alles andere als ein Verteidiger des TV, aber wer Bildungsbürgerfernsehen gucken will, der kann das doch auch schon jetzt tun (arte und Konsorten), es ist ja nicht so, dass man nicht die Wahl hätte oder man zum Fernsehen gezwungen wird…) Außerdem wer bestimmt denn dann, was Hochkultur ist und was nicht, das ist doch überhaupt ein völlig naiver Ansatz, hier ein bisschen Nietzsche, da ein bisschen Klassik und alle Menschen werden zu gebildeten und vernünftigen Wesen. Sind Comics dann zum Beispiel auch eine Kunstform, die uns von diesen Bildungsfaschisten vorenthalten würden, weil sie im bürgerlichen Sinne nicht als Kunst gelten? Das geht jetzt alles natürlich viel zu weit, aber der Film wirft soviele Fragen auf, der er nicht mal im Ansatz zu beantworten versucht oder sich irgendwie auch nur damit beschäftigt…
habe den film auf der premiere in berlin gesehen. weder dramaturgisch noch inhaltlich unterscheidet er sich von einem 08/15-fernsehfilm. simple lineare story, biedere ästhetik, platte wahrheiten. das machte den film zu einen ganz und gar durchschnittlichen film, nicht weiter schlimm. aber hans weingartners sendungsbewusstsein ärgert dann doch. mit den dramaturgischen mitteln des fernsehen macht er gesellschaftskritik zu reinen unterhaltungsklamotte. dogmatisch und doof. der letzte funken widerstand verpuffte noch auf dem weg nach hause.
gestern hatte ich das vergnügen den film und weingärtner bei seiner kinotour zu sehen. von dem film selbst bin ich begeistert und konnte als “insider” doch an manchen stellen recht herzlich lachen. eine wundervolle satire!
leider muss ich jedoch sagen, dass die wirklichen hintergrundinformationen nicht gut recherchiert wurde. die angeblichen fakten (zum panel, der panelauswahl usw.) welche weingärtner so gerne publiziert sind schlichtweg zu einem großen teil falsch. ich hätte ihm angeraten, vor dem film selbst mit den zuständigen personen aus der fernsehforschung zu sprechen. denn so entsteht bei interessierten menschen der falsche eindruck von der quote.
schade, denn die wahrheit hätte dem film und seiner sozialkritischen intention nicht geschadet.
erschreckend empfand ich auch den doch so “normalen” und extremen gebrauch von drogen in dem film. sei es das koks, die zigarette oder der alkohol. während das koks noch auf die “gehobenere” gesellschaftsschicht zielte, wurde der umgang mit alkohol als harmlos dargestellt, nein sogar als “belohnung” für gute arbeit gezeigt. sind wird deutschen nun also nicht nur hirnlose tv-trasch-konsumenten sondern zudem auch noch suchtgefährdet?
als weingärtner darauf angesprochen wurde, gab er als antwort: dies sei ihm so noch gar nicht aufgefallen.
merkwürdig wie ich finde…
nach der lektüre der obigen berichte (inkl.kommentare 1-6) wäre ich beinahe
nicht in den film gegangen. aber ich möchte sagen, er ist deutlich
besser als er oben und in anderweitigen kritiken erscheint. warum?
vorwurf vorhersehbarkeit der handlung (08/15): nur streckenweise, aber
etliche herrlich komische einfälle und wendungen.
vorwurf drogen: “koks” wird als milieuspezifisches “arbeits- und
lebensmittel” dargestellt, notwendig um die trash-intensität zur ertragen: ok,
dies ist teil der message. alkohol stört mich dagegen sehr: er wird
als allgegenwärtig und viel zu normal dargestellt.
der wirkungskreislauf 1.[(tv-) programm erzieht medien-konsumenten] ->
2.[konsumverhalten wird in quote gemessen] -> 3.[quote steuert programm] -> 1.
ist natürlich vereinfacht dargestellt. die realität ist
komplizierten, z.B., quotenboxen wird man sicherlich nicht so leicht mit
einer simplen man-in-the-middle attacke knackbar. ok, diese
form der realitätsferne ist auch akzeptabel.
die utopie, man könne die nation zu qualität, eigenständigem denken
und kommunizieren erziehen – und noch dazu in wenigen monaten – ist
trotzdem sehr hübsch. professor emrichs interviewkommentar, der
begriff “medien” bezieht sich auf “vermittlung” von welt – nicht auf
schaffung von ersatzhaften, künstlichen unterhaltungswelten, ist des
nachdenkens wert. … wie der film: ein vielleicht viel zu
großer teil unser aufmerksamkeit ist auf medialer kunstwelt, statt auf
unser eigenes, selbstbestimmbares leben gerichtet.
es ist aber auch klar, dass die medienindustie diese fundamentale
kritik nicht wirklich gutheißen kann und der film daher, mehr als
andere, unter beschuss und marginalisierungsdruck steht.
resümee: ein sehenswerter film.
@jw: schön, dass dich dein eigener Kommentar beinahe davon abgehalten hat, ins Kino zu gehen.
Ich bleibe dabei: ein äußerst durchschnittlicher Film. Großartig ist anders.
“es ist aber auch klar, dass die medienindustie diese fundamentale
kritik nicht wirklich gutheißen kann und der film daher, mehr als
andere, unter beschuss und marginalisierungsdruck steht.”
-> heraus kommt eben ein halbherzig gemachter Film



