« 2.0eritis | Europa: Autoren gesucht »

Internet = Demokratische Revolution?

1. Juli 2007 · Kategorien: Medien, Politik, Web 

Das amerikanische Onlinemagazin Mother Jones ruft in einem großen Themenpaket “Politik 2.0″ aus: Hab mich hier ja gerade noch über die 2.0eritis beschwert und finde demnach auch den Claim Politik 2.0 irgendwie blöd. Aber egal, zum Inhalt dieses Themenpakets: Es geht bei Mother Jones darum, ob das Internet bzw. speziell das Web 2.0 zu einer demokratischen Revolution führt oder nicht.

Das ist natürlich streitbar und so neu ist die Idee eigentlich auch nicht: Ich habe gerade für meine Abschlussprüfung in Politikwissenschaft das Buch “Politikwelt Internet” aus dem Jahr 2001 durchgearbeitet (Hrsg. Reinhard C. Meier-Walser/Thilo Harth). In einem Beitrag von Andrea Römmele darin, “Parteien und das Internet: Neue Formen der politischen Partizipation?”, werden zwei Thesen gegenüber gestellt, die – auch wenn sie zu Zeiten des Web 1.0 geschrieben wurden – heute noch aktuell sein dürften:

  • Die Mobilisierungsthese: Demnach hilft das Internet, die Distanz zwischen Regierenden und Regierten geringer werden zu lassen. Das Netz sorgt dafür, dass sich mehr Bürger am politischen Prozess beteiligen als zuvor. -> Das käme dem revolutionären Gedanken von Mother Jones schon ganz nahe, wo übrigens auch von Open Source Politics die Rede ist.
  • Die Reinforcementthese (Verstärkung): Die politische Beteiligung nimmt demnach nicht zu. Vielmehr benutzen die jenigen, die sowieso am politischen Prozess beteiligt sind, auch das Internet. Die Partizipation weniger wird also gefestigt, während die Mehrheit weiter nicht am politischen Prozess aktiv teilnimmt.

Angesichts der allgemeinen Politikverdrossenheit gehe ich – zumindest für Deutschland – davon aus, dass eher These 2 zutrifft und man also nicht von einer demokratischen Revolution sprechen kann. Letztlich ist das Internet also nur ein weiteres Tool, was die Partizipation im Sinne von Meinungsäußerung, Mobilisierung etc. technologisch fördern kann.

Aber dafür muss auch ein Interesse für politisches Engagement bei den Bürgern da sein. Und das kann hier zu Lande nicht gerade groß sein, denn wo sind in Deutschland einflussreiche politische Blogs? Immerhin, in Kürze geht eine neue Website an den Start, die das deutsche Netz politisieren will: Trupoli tritt mit folgendem Claim an: “Mehr Demokratie und transparente Politik ab Sommer 2007″. (Mehr zu diesem Projekt bei turi2.) Man darf also gespannt sein, ob es irgendwann doch noch die demokratische Revolution dank Internet geben wird.

[via Jay Rosen's PressThink]

Kommentare

8 Kommentare on Internet = Demokratische Revolution?

  1. Jochen Hoff on So, 1st Jul 2007 13:37
  2. Das Internet ist ein Medium, mit dessen Möglichkeiten Informationen schnell, zielgerichet und weltweit verfügbar verbreitet werden können. Letztlich eine Technologie wie die Briefpost.

    Das Netz wird zumeist von den Leuten genutzt, die keinen Einfluß auf andere Medien haben, und dient da als eine Art Ersatz. Dieser Ersatz ist aber extrem eingeschränkt und reglementiert.

    Das würde sich nur ändern wenn z.B. die öffentlich rechtlichen Gebührenerpresser nicht mehr unterstützt würden und sich ihr Geld mit Werbung oder als Pay-TV verdienen müssten.

  3. Monika Bauerlein on Mo, 2nd Jul 2007 07:56
  4. Lieber Florian,

    ich bin die Chefredakteurin von Mother Jones und freue mich, dass unser Thema (wenn auch ueber Jay Rosen, der sich sehr ausfuehrlich und negativ ueber den Inhalt auslaesst) auch in Deutschland aufgegriffen wird. Ja, die 2.0-itis ist entsetzlich, aber fuer Menschen, die sich nicht Tag und Nacht damit beschaeftigen, ist das ein wirksames Kuerzel, das gleich vermittelt, worum es gehen soll. Mir gefaellt der Begriff besser, mit dem wir uns in einem der Essays befasst haben: Open-Source Politics; die Frage ist natuerlich u.a., ob es so etwas gibt oder geben kann. Wuerde mich interessieren, wie das aus deutscher Perspektive aussieht.

  5. Florian Treiß on Mo, 2nd Jul 2007 09:03
  6. Schön, dass sich hier sogar die Chefredakteurin zu Wort meldet! Ich fürchte nur, dass Deutschland für “Open-Source Politics” noch nicht weit genug ist. Man kann ja durchaus auch einen Bezug zum in den USA viel beschworenen “Bürgerjournalismus” herstellen. Der wurde ja schon 2004 von Dan Gillmor im Buch “We the Media” gewürdigt. Und Politik kommt nicht ohne Medien/Öffentlichkeit aus und vice versa. Doch die von Gillmor beschriebene Grassroots-Bewegung, dass sich also Bürger via Internet in den politischen Prozess einbringen wollen, bleibt weitesgehend aus:

    Zwar mag auch Jochen Hoff hier recht haben, dass das Netz sozusagen von den Marginalisierten genutzt wird, um sich zu artikulieren. Es gibt ja durchaus auch in Deutschland politische Blogs, v.a. anti-neoliberale. Doch denen fehlt einfach der politische Einfluss.

  7. Gernot on Do, 5th Jul 2007 15:30
  8. Ein schönes Beispiel aus deutschen Landen ist immer wieder http://www.netzpolitik.org. Die kommen wohl aus der Open Source Welt und machen ein schönes Blog über Politik und Netz. Anscheinend auch relativ einflussreich. Zumindest für ein Blog aus Deutschland. Mehr Beispiele wären schöner.

    [...] einigen Wochen hatte ich hier ja schon davon geschrieben, dass v.a. Amerikaner der Frage nachgehen, ob das Internet zu einer demokratischen Revolution [...]

  9. User-generated Wahlkampfdebatte | trice.de on Mo, 23rd Jul 2007 17:23
  10. [...] in den vergangenen Tagen hatte ich über die Fragen Internet = Demokratische Revolution? und Blogosphäre = Neue Öffentlichkeit geschrieben. Heute Abend steht nun in den USA etwas an, was [...]

  11. Politische Blogs in Deutschland? | trice.de on Mo, 27th Aug 2007 13:58
  12. [...] meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema nahe kommen. Anfang Juli hatte ich unter der Headline “Internet = Demokratische Revolution?” angemerkt, dass die Bloggerei zumindest in Deutschland kaum politische Wirkung entfaltet, u.a. [...]

    [...] gemerkt zu haben, wieviel Einfluss sie tatsächlich haben. Wenn Florian Treiß unter “Internet = Demokratische Revolution?” von einer “Mobilisierungsthese” und einer “Reinforcementthese” [...]