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Bertelsmann-Stiftung und linke Kritik

13. Juni 2007 · Kategorien: Medien, PR, Politik, Think Tanks 

In wenigen Wochen werde ich meine Abschlussprüfungen in Politikwissenschaft (meinem ergänzenden Hauptfach neben Dipl.-Journalistik) an der Uni Leipzig ablegen. Ein Thema: Think Tanks bzw. Politikberatung. Daher finde ich es durchaus spannend, dass in der linken Szene gerade eine Diskussion um die Bertelsmann Stiftung entbrennt: Einem der größten Think Tanks im Land mit einem Jahresbudget von knapp 60 Millionen Euro.

Das neue Buch “Bertelsmann – Netzwerk der Macht”, herausgegeben von Jens Wernicke et. al., wirft der Stiftung unter anderem vor, nicht gemeinnützig zu sein. In einem Abstract für Telepolis mit dem reißerischen Titel “Schattenkabinett aus Gütersloh” schreibt Wernicke:

Die Stiftung [...] unterstützt sie nicht etwa Non-Profit-Organisationen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben, sondern finanziert ausschließlich ihren, den eigenen Interessen verpflichteten Organisations-, Forschungs- und Beratungsapparat. [...] Im Grunde kennt sie dabei nur ein einziges Rezept als Lösung aller gesellschaftlichen Probleme, und seien sie noch so komplex: Die Gesellschaft soll wie ein Unternehmen geführt, der Staat mehr und mehr abgebaut werden. [...] Bleibt zu hoffen, dass Gesellschaft und Politik diese Stiftung als das begreifen, was sie einzig ist: nicht etwa “Lösungsgeber”, sondern Teil des Problems.

Doch ist natürlich die Frage, in wieweit Wernicke der Richtige ist, dies zu kritisieren. Schließlich ist er selbst Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, einer PDS-nahen Einrichtung also, die genauso als Think Tank operiert: Die hat genauso wie die Bertelsmann-Stiftung einen gemeinnützigen Status, ist aber natürlich auch parteiisch bzw. advokatisch. Vielleicht ist das Problem, dass Wernicke hat, ja auch eher, dass die Bertelsmann- Stiftung sich selbst als “akademischer” Think Tank präsentiert, als ein nicht-ideologischen Politikberater also. Aber das ist letztlich definitorisches Klein-Klein.

Wie auch immer, eine nüchterne Betrachtung findet sich bei Think Tank Alert, einem Branchendienst für Think Tanks:

Auch wenn mir selbst der Einfluss der Bertelsmann Stiftung zuweilen ein wenig überschätzt scheint — schließlich gibt es auch andere wichtige Berater, die nur nicht so viel öffentliches Aufheben um ihre Beratungen machen — ist die Bertelsmann Stiftung doch das beste Beispiel für einen schlagkräftigen, privat finanzierten Think Tank.

Kleiner Lesetipp dazu noch: Mediawatcher.

Kommentare

11 Kommentare on Bertelsmann-Stiftung und linke Kritik

  1. Jochen Hoff on Do, 14th Jun 2007 08:05
  2. Ich weiß nicht ob man die Gefahren der Krake Mohn/Bertelsmann so lapidar abtun kann.

    http://www.duckhome.de/tb/index.php?/archives/546-Arme-Bertelsmaenner.html

  3. Florian Treiß on Do, 14th Jun 2007 10:37
  4. Es ging mir erstmal nur darum, dass hier ein von einem linken Think Tank geförderter Wissenschaftler auf einem eher wirtschaftsliberalen Think Tank rumhackt. Genauso hat sich ja auch schon die Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem IW und dessen verlängertem Arm INSM beschäftigt, siehe http://library.fes.de/pdf-files/kug/03818.pdf
    Und im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft sollte ja durchaus sein, dass sich Think Tanks aller politischer Farben in den Marktplatz der Ideen einbringen.

    Aber mal im Ernst: Bei der Avarto-Expansion von “Gefahren durch die Krake Bertelsmann” zu sprechen mag ja noch berechtigt sein – aber Dein eigener Blog-Eintrag geht ja wohl überhaupt nicht. Wer Bertelsmann mit den Nazis vergleicht (”Bertelsmann wird in zentralen Lagern die Einwanderer auf ihre Tauglichkeit prüfen, wie einstmals Mengele die Juden an der Rampe in Ausschwitz.” bzw. “Wir sind 1932. Kurz vor der Machtergreifung.”), der schießt ja wohl mehr als über das Ziel hinaus!!!

  5. Robert on Do, 14th Jun 2007 16:13
  6. Das ist ja sehr lyrisch ausgedrückt, der Marktplatz der Ideen, in den Think Tanks sich einbringen.

    Ein Ort, an dem verschiedene Vorschläge gleichberechtigt nebeneinander stehen? Und diskutiert werden können? Von Wählern und Gewählten? Von denen, die die Vorschläge dann betreffen?

    Wo ist dieser Marktplatz der Ideen, wie komme ich da hin?

  7. Florian Treiß on Do, 14th Jun 2007 19:12
  8. OK, “Marktplatz der Ideen” ist die idealtypische Formulierung der Literatur, wenn es darum geht, dass Think Tanks, Interessenvertreter, Lobbyisten etc. im Wettbewerb zueinander stehen. Aber ganz friedlich geht es auf diesem Marktplatz ja auch nicht zu. Der konservative amerikanische Think Tank Heritage Foundation hat alternativ auch den “war on ideas” als Begriff eingeführt.

  9. Jochen Hoff on Fr, 15th Jun 2007 15:47
  10. Ich habe mir deinen Text noch mal genau durchgelesen. Wenn ich dich richtig verstehe, darf jemand der Stipendiat der Rosa Luxemburg-Stiftung ist keine Meinung haben, während jemand der gerade seinen Abschluss in Poltik macht und ein Job bei Bertelsmann sucht, natürlich qualifiziert ist, uns allen zu sagen, wie der Hase zu laufen hat.

    Nein mein lieber Freund. So geht es nicht. Mir ist völlig egal wo jemand herkommt oder hin will. Jeder hat das Recht seine Meinung zu sagen. Wenn du auf Bertelsmann setzen willst. Dann bitte. Meine Meinung kennst du.

    Wenn Wernicke falsch liegt, dann beweise ihm das. Denn genau darum geht es.

  11. Florian Treiß on Fr, 15th Jun 2007 22:24
  12. Also Du verstehst mich schon etwas falsch – ich finde: Sowohl Bertelsmann-Stiftung als auch Rosa-Luxemburg-Stiftung dürfen ihre Meinungen/Ideen in den politischen Prozess einbringen, und da gibt es für mich grundsätzlich erstmal kein richtig/falsch!

  13. Jens Wernicke on Sa, 16th Jun 2007 17:17
  14. Ja, das dachte ich mir. Ist aber schade und zudem fatal. Dieses pseudoliberale Denken hilft nämlich niemandem. Die RLS und andere Stiftungen sind “öffentliche”, werden demokratisch konstituiert und verfasst und kontrolliert. Die BMS hingegen hat nicht nur 18 Milliarden Jahresumsatz in der Hinterhand, sondern arbeitet meiner Meinung nach auch daran, den Staatsapparat zu zerschlagen.
    Das, was Du hierzu meinst, läuft doch in etwa auf Folgendes hinaus: Leute, die gegen Menschen arbeiten gehören jene, die für diese eintreten “gleichgestellt”, das ist liberal und daher fair.
    Und eben zudem: Stiftungen sind per se gleich, was schlichtweg ein dämnliches Argument ist. Mensch kann und muss m.M. nach Bertelsmann kritisieren ohne hierdurch Böckler, Böll, Adenauer oder andere anzugehen.
    Wie kannst Du nur so vermeintlich kluge Sachen schreiben ohne einmal selbst nachzudenken?
    Stell dir Machtfrage!
    Dann wirst Du sehen, dass es kein “Marktplatz” der Ideen ist, wenn Du neben Bill Gates stehst und ihr beide eine Meinung habt. Ebenso wenig ist es kein “Markt”, sondern Macht, was Bertelsmanns neoliberale Agenda gegenüber der Rosa-Luxemburg-Stiftung profiliert.
    Abgesehen davon: Die RLS ist kein “Think Tank”, sondern eine öffentliche Einrichtung, die unterstützend tätig ist und von ihrem bescheidenen Haushalt Projekte fördern. Auch hier anders Bertelsmann: die Stiftung fördert ausschließlich sich selbst.
    Lies einmal jenes hier, das scheint bei Deinem Studium ja bis zum Diplom – obwohl zu Politikberatung – ja zu kurz gekommen zu sein: http://www.bpb.de/publikationen/A64TJX,0,Stiftungen_in_der_B%FCrgergesellschaft:_Grundlegende_Fragen_zu_M%F6glichkeiten_und_Grenzen.html.

  15. Florian Treiß on So, 17th Jun 2007 10:20
  16. Hallo Jens,
    danke erstmal dass Du Dich als Autor der Studie hier selbst zu Wort meldest! Stichwort Machtfrage: Die Bertelsmann-Stiftung hat ja schon beim offiziellen Budget das 6-fache wie die RLS (60 gegen 10 Mio €). Zumal die ihr eigenes Budget ja relativ leicht erhöhen können, da sie Großeigentümer des Unternehmens Bertelsmann selbst sind.
    Und zum “Marktplatz der Ideen” – ich schrieb ja schon, dass das eine idealtypische Vorstellung ist. Den Begriff des “war on ideas” finde ich selbst durchaus realistischer, denn Ideen durchzusetzen ist ja genau auch eine Sache von Macht. Im politischen Prozess zählt ja nicht gerade häufig das “beste/wissenschaftlichste” Argument, sondern das was den Ideen der Regierung/ihrer Verbündeten am nächsten kommt und was durchsetzbar ist.

    Übrigens bezeichnet sich die RLS selbst als “Think Tank” (Quelle: http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=stiftung): “ist ein Ort kritischer Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus;
    ist ein Zentrum programmatischer Diskussion über einen zeitgemäßen demokratischen Sozialismus, ein sozialistischer Think-Tank politiknaher Alternativen;” So steht es in den eigenen Leitsätzen. Von daher stehe ich weiter dazu zu sagen, dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung genauso interessengesteuert ist wie die Bertelsmann-Stiftung. Und es ist eben politisch gewollt, dass es gemeinnützige politische Stiftungen jeglicher Coleur gibt, schließlich gibt es zu allen etablierten Parteien parteinahe Stiftungen.
    Aber natürlich ist mir auch bewusst, dass die Parteistiftungen laut Literatur nur ca. 15-20 % ihrer Arbeit als Think-Tank-Arbeit durchführen. So schreibt es Martin Thunert, siehe u.a. http://www.bpb.de/publikationen/TFYILK,0,Think_Tanks_in_Deutschland_Berater_der_Politik.html Und das führt natürlich zurück zur Machtfrage, und da nehme ich durchaus an, dass die Bertelsmann-Stiftung mächtiger ist als die RLS.

  17. Think Tanks - Denken auf Vorrat | trice.de on So, 8th Jul 2007 14:30
  18. [...] Manche Think Tanks seien nur verkappte Lobbyisten: Sie täten so, als ginge es ihnen um das Gemeinwohl und sie machten “Politikberatung”, weil dies seriöser klingt als Einflussnahme/Interessenpolitik für die eigenen Geldgeber. Solche Vorwürfe werden v.a. gegenüber der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), derer Kritiker sich z. B. unter INSM-Watchblog formieren, und wiederum der Bertelsmann-Stiftung geäußert (siehe Tagesspiegel: Macht ohne Mandat und das kritische Bertelsmann-Wiki). Deren Gemeinnützigkeit wird schon seit einiger Zeit von linken Seite angezweifelt. [...]

  19. H-B on Mi, 1st Aug 2007 20:29
  20. Schön, dass mal jemand auf die Methoden von Jens Wernicke hinweist. Dieser hält es ja selber nicht für nötig, auf seine Verstrickungen hinzuweisen.

    Mal vergisst er, auf seine Eigenschaft als Stipendiat einer Stiftung hinzuweisen, wenn er die Bertelsmann-Stiftung kritisiert oder gar allgemein die Vergabe von Stipendien (dazu gehört schon ein außergewöhnlich große Biegsamkeit des Rückgrats, das Geld einzustecken, aber das alles für schlimm zu erklären), ein anderes Mal zieht er über “Hochbegabte” her (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25742/1.html)und vergisst dabei, dass er selber in einem solchen Verein Mitglied ist und sogar als Ansprechpartner fungiert.

    So richtig das sein mag, was er schreibt: Wer es nötig hat, so zu tricksen, erweist der eigenen Sache eine schlechten Dienst.

  21. Cemnattesytals on So, 28th Sep 2008 21:26
  22. thank you, guy