Auflagen-Hexer mit Blut und Gewalt
…so überschreibt SpOn einen Beitrag über die südafrikanische Boulevard-Zeitung “Daily Sun”. Und die soll noch viel schlimmer sein als alles in Europa bekannte. Der Chefredakteur über sein Blatt:
“Keine Gnade” prangt auf dem Titel. “Ein Dieb schmeckt die Gerechtigkeit der Straße”. Daneben das Foto eines gefesselten jungen Mannes, auf den der Mob eindrischt. “Dieses wunderbare Bild”, sagt Khumalo, “zeigt, wie weit wir gekommen sind. Die Leute haben diese Verbrecher satt und wehren sich, weil die Polizei nichts tut. Das ist das Leben unserer Leser. Das nehmen wir ernst.”
Spiegel Spam
Heute ist es online gegangen, dass neue Satire-Projekt von Spiegel Online namens Spam. Geleitet wird die Redaktion von Titanic-Chef Martin Sonneborn, was wohl ein Garant für beste Qualität sein dürfte. Und so gibt’s gleich zum Start neue Bundeswehrfotos der etwas anderen Art und skurrile Videos, wie das Interview unter dem Motto: Hinterbänkler heute. Dort wird eine typische Interview-Situation mit einem CDU-Abgeordneten gezeigt, der 10 mal sein Statement wiederholen muss, bis es endlich den perfekten (aber sehr öden) O-Ton gibt.
WAZsolls
Auch wenn das Ding schon seit August online ist, so bin ich trotzdem erst jetzt drüber gestolpert (via Medienrauschen): WAZsolls heißt ein Blog eines anoymen WAZ-Redakteurs, der dort munter Interna ausplaudert und sich mit der Web2.0-Werdung seines Mediums beschäftigt. In einem Eigen-Interview gibt er Antwort auf die meist gestellten Fragen. Hier ein Auszug auf die Frage, wieso er das Ganze macht:
Anarchisch, demokratisch mit kleinen monarchischen Einsprengseln (Manche gebärden sich wie Fürsten mit Hofstaat) ohne äußere Zwänge und real existierende Hierarchie – hier fühle ich mich wohl – deshalb blogge ich (auch wenn alles nur aus Verärgerung begann). (…) Natürlich bin ich bei meinem Grundthema schon vorsichtig, bei aller, meiner Meinung nach berechtigter Kritik möchte ich gern bei der WAZ bleiben, denn sie lässt mir auch im Print-Bereich große Freiheit. (Ich bestimme selbst, welche Richtung meine Texte nehmen). Nur mit der innerbetrieblichen Teilhabe an Entscheidungen….mit der Hierarchie…aber davon später einmal.
Erstmal ein Schälchen Pferde-Urin
So betittelt die Berliner Zeitung heute Ihre feuilletonistischen Betrachtungen zu Borat, dem neuen Film von Ex-Ali G. Sacha Baron Cohen. Echt lesenswert, genauso wie der Spiegel Online-Beitrag: Minderheitenverbände drohen schon mit einer Klage gegen den Film, der wohl manchmal übers Ziel hinauszuschießen scheint. Und der kasachische Präsident ist stinksauer, denn Borat zeichnet wohl ein schlechtes Bild von dem Land, aus dem er angeblich stammt. Z.B. singt er die Nationalhymne mit einem falschen Text: “Kasachstan, glorreiche Nation / mit den saubersten Prostituierten der ganzen Region”.
Bin schon sehr gespannt auf “Borat – Kulturelle Lehrung von Amerika um Benefiz zu machen für glorreiche Nation von Kasachstan”, der in unseren Kinos am Donnerstag an den Start geht. Die deutsche Homepage zum Film ist hier zu finden, und die englischsprachige Seite von Borat ist ebenfalls zu empfehlen.
Bundesbruder Diekmann
Zwei sehr lesenswerte Berichte über den Auftritt von BILD-Chef Kai Diekmann bei seiner offenbar stramm rechten Burschenschaft gibt’s bei BILDblog und bei der taz.
Unsinnige Sperrfrist
Quizfrage – wieso versehe ich eine Pressemitteilung mit einer Sperrfrist, d.h. die Meldung soll bis zum genannten Zeitpunkt nicht veröffentlicht werden – und stelle sie dann rund 24 Stunden vorher ins Internet? So hat’s nämlich Reporter ohne Grenzen mit der “Weltweiten Rangliste zur Pressefreiheit” gemacht (gefunden im Medienrauschen). Antworten auf die Quizfrage bitte als Kommentar. :)
Zuschauerreporter
“Leserreporter” war gestern, jetzt kommt der “Zuschauerreporter”. Das dachte sich wohl die Redaktion der MDR-Sendung “Umschau”. Und deshalb sind die Zuschauer jetzt aufgerufen, Augenzeuge zu werden. User-generated-content beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen also, und dass ist natürlich schon anspruchsvoller als die BILD-Kampagne unter dem Motto “schicken Sie uns die schrägsten, verrücktesten und spektakulärsten Fotos”, am besten von Promis… Beim MDR klingt das hingegen so:
Mit der Umschau-Aktion “Der Augenzeuge” bekommen die geplagten Zuschauer endlich ein Forum, um ihren Ärger loszuwerden: Schildern SIE der Umschau, worüber Sie sich am meisten geärgert haben. Machen Sie Fotos oder drehen Sie ein kurzes Video und werden Sie zum Umschau-Augenzeugen. Wir veröffentlichen Ihren Augenzeugen-Beweis.
Und die Redaktion gibt die Themen vor: Gesucht werden erstmal die nervigste Baustelle und die marodeste Schule in Deutschland.
Leipzig-Tipps
Zwei Höhepunkte der nächsten Tage, die man meiner Meinung nach nicht verpassen sollte:
- Sonntag, 22.10., 10 Uhr in der Schaubühne: Kostenlose Filmvorführung mit anschließendem Gespräch von Lutz Dammbecks Werk “Das Netz”. Weitere Infos
- Mittwoch, 25.10., 18 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum: „… und wo bleibt die Moral? Journalistische Ethik in Zeiten von Quoten- und Auflagenkampf“ – Öffentliche Vorlesungsreihe des Lehrstuhls für Journalistik der Universität Leipzig mit Ulrich Meyer (SAT 1)
Restexemplare
Wie ich gerade erfahren habe, gibt es mittlerweile das – von mir mit verfasste – Lexikon der TV-Moderatoren als günstiges Restexemplar im Buchhandel. Statt einst 24,90 € kostet es jetzt nur noch 7,95 € – das ist doch ein unschlagbarer Preis für fast 600 Seiten Fernsehwissen, oder? :) Mehr Infos hier auf meiner Homepage. Und hier kann man das Werk bei Amazon bestellen.
Perfekte Berieselung
Eine neue Serie von Spiegel Online beschäftigt sich ab heute mit den “Privatsendern der 2. Generation”, d.h. mit Kabel1, RTL2 und Co. Der erste Artikel schaut Vox auf die Finger bzw. aufs Programm. Zunächst gibt’s was zur Sendergeschichte zu lesen, so z.B. das der Projekttitel einst “Westschienenkanal” war, später dann definiert Autor Peer Schader das heutige Erfolgsrezept des Senders:
Das Erfolgsprinzip ist simpel: Krimis, Tiere, Dokumentationen. Dazu Kochsendungen und Renoviershows. Nicht gerade “Ereignisfernsehen”, sondern eher eindimensional und durchschaubar, aber es funktioniert.
OK, das sind vielleicht keine bahnbrechenden Erkenntnisse, aber immerhin mal ein interessanter Versuch, den heutigen Fernsehmarkt mit einer Prise Zeitgeschichte zu analysieren.
